Wenn Sie sich entscheiden müssten: Nord oder Südpol?
Eine solche Entscheidung fällt mir schwer. Beides sind einzigartige, beeindruckende Welten. Die Arktis besticht durch ihre zurückhaltende und subtile Schönheit. Man muss sich auf sie einlassen, um ihre feinen Eindrücke vollständig wahrzunehmen. Im Gegensatz dazu überwältigt die Antarktis bereits vom ersten Moment an, wenn man die riesigen Eisberge und die monumentalen Eiswände sieht, die wie eine Mauer vor einem aufragen. Beide Regionen besitzen einen faszinierenden und ganz eigenen Reiz. Ich würde liebend gerne sofort wieder zu einer dieser beeindruckenden Polarwelten aufbrechen.
Die Polregionen sind Ihr wissenschaftliches Steckenpferd. Wie kam es dazu?
Dieses Interesse entstand während meines Physikstudiums. Damals wollte ich, wie viele am Anfang ihrer wissenschaftlichen Laufbahn, verstehen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Dabei wurde es mir dann aber auch zunehmend wichtig, mit meiner Arbeit einen sinnvollen Beitrag für die Menschheit zu leisten. Auf der Suche nach einem Thema für meine Diplomarbeit habe ich mich deshalb intensiv umgeschaut – und schließlich für die Erforschung der Ozonschicht entschieden. In den frühen 1990er Jahren war das Ozonloch über der Antarktis gerade entdeckt worden, und es gab viele offene Fragen, etwa dazu, wie es um die Ozonschicht in der Arktis steht und ob sich dort auch ein Ozonloch öffnen würde. 1992 fuhr ich für unsere Messungen erstmals dort hin. Die Reise war faszinierend: Es war Januar, die Polarnacht herrschte, und alles war in ewige Dunkelheit gehüllt. Das wenige Licht kam vom Mond oder den spektakulären Polarlichtern. Auf langen, einsamen Ausflügen durch die dunkle, menschenleere, eisige Landschaft von Spitzbergen erlebte ich diese stille, geruchslose und kalte Weite. Diese Erfahrungen haben mich zutiefst beeindruckt, sodass ich immer wieder dorthin zurückkehren wollte. Mein weiterer Lebensweg eröffnete mir die Möglichkeit, diese Leidenschaft weiter zu verfolgen und der Polarforschung treu zu bleiben.
Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Forschungsreisen in spektakuläre entlegene Gebiete und der – verglichen damit – eher eintönigen Arbeit im Labor oder am Schreibtisch?
Der wissenschaftliche Fortschritt passiert selten direkt im Feld, auch wenn er auf den Beobachtungen und Daten basiert, die dort gesammelt werden. Während der Expeditionen bin ich rund um die Uhr beschäftigt, da es ja darum geht, zunächst mal so viele Daten wie möglich zu sammeln. Wieder zu Hause ist es dann aber auch extrem motivierend und befriedigend, aus den Daten und Beobachtungen neues Wissen und neue Erkenntnisse zu schaffen. Und dieser Prozess findet ja am Computer statt, in der – auf den Messdaten beruhenden – Datenauswertung und Modellierung . Die Erkenntnisse und Theorien, die dabei entstehen, fließen dann im Idealfall in neue Generationen von Klimamodellen ein. Die Feldarbeit und die anschließende Gewinnung neuer Erkenntnisse am Schreibtisch ergeben zusammen die reizvolle und erfüllende Balance meines Berufs.
Was ist dort so anders als in anderen Regionen der Welt? Warum sind diese Gebiete wichtig für die Forschung, auch wenn sie weit entfernt von Orten sind, in denen Menschen leben?
Die Polarregionen sind elementare Bestandteile des globalen Klimasystems. Die Arktis erwärmt sich aktuell etwa viermal schneller als der globale Durchschnitt. In der Antarktis ist das Klima noch komplexer, und für viele Jahrzehnte gab es dort trotz regionaler Erwärmung im Bereich der antarktischen Halbinsel und der relativ kleinen Westantarktis keine systematische Erwärmung des gesamten Kontinents, insbesondere nicht in großen Teilen des ostantarktischen Eisschildes, der größten Eismasse der Welt. Jedoch haben wir kürzlich beispiellose Hitzewellen nun auch auf dem antarktischen Eisschild erlebt, die wir noch überhaupt nicht gut verstehen. Die Tatsache, dass die Antarktis für lange Zeit die letzte größere Region der Erde war, die dem globalen Erwärmungstrend getrotzt hat, macht sie besonders spannend für die wissenschaftliche Untersuchung. Ein tiefes Verständnis der Klimaabläufe dort ist entscheidend, um das Klima global und damit auch in unseren Breiten besser prognostizieren zu können. Und: Veränderungen in der Antarktis wirken sich sofort und direkt auf den globalen Meeresspiegelanstieg aus und damit auch auf die deutschen Küstenregionen. Das Klimasystem ist global gekoppelt.
Die Polargebiete sind die letzten von sichtbaren menschlichen Strukturen völlig freien Regionen – einfach faszinierend in unserer vom Menschen geprägten Welt. Gleichzeitig bieten die Eislandschaften eine unglaubliche Vielfalt. Eis ist eine der vielfältigsten Substanzen überhaupt: Eisschilde, Schelfeis, Eisberge, Meereis, Gletschereis – alles völlig unterschiedliche und einzigartige Welten mit ihren jeweils ganz eigenen Formen und Farben. Und doch bestehen sie alle nur aus dieser einen Substanz, dem Eis, einfachem, gefrorenem Wasser.
Zu Ihren Forschungsschwerpunkten zählt das Verständnis polarer atmosphärischer Prozesse im globalen Kontext. Wie ist das zu verstehen?
Die Arktis spielt eine besonders prominente Rolle im globalen Klimasystem und vor allem für unsere Region. Wenn man den Globus von oben betrachtet, sieht man den Nordpol und gleichzeitig Europa. Die Arktis ist unser Vorgarten und sie ist Wetterküche für die gesamten nördlichen mittleren Breiten, wo ja ein Großteil der 8 Milliarden Menschen unseres Planeten lebt, also in Nordamerika, Europa und Asien. Der Temperaturkontrast zwischen der kalten Arktis und den wärmeren mittleren Breiten treibt das Hauptwindsystem der Nordhemisphäre an – den Westwind. In zehn bis zwölf Kilometern Höhe verdichtet er sich zu einem stark ausgeprägten Westwind-Band, dem Jetstream, dessen Motor dieser Temperaturunterschied ist. Da die Arktis jedoch schneller wärmer wird als der Rest des Planeten, nimmt der Temperaturunterschied ab, was den Motor ins Stocken bringt. Wird der Jetstream nun instabiler, neigt er dazu, mehr Wellen auszubilden und manchmal sogar zusammenzubrechen und vermehrt Luftströmungen von Nord nach Süd oder andersherum hervorzubringen. Dies führt zu Wetterextremen in unseren Breiten: vom Zustrom heißer und trockener Luft aus den Subtropen mit resultierenden langanhaltenden heißen Phasen im Sommer bis hin zu arktischen Kaltluftausbrüchen, die zu ausgeprägten Kältephasen im Winter führen, die in den allgemeinen Erwärmungstrend unserer Winter eingelagert sind und diesen phasenweise unterbrechen.
Diese Wetterextreme, die wir bei uns inzwischen häufiger sehen, sind eine direkte Folge der Erwärmung der Arktis. Zudem beeinflusst der Jetstream die Effizienz, mit der Tiefdrucksysteme über Europa hinwegziehen. Statt gleichmäßig verteilt zu regnen, bleiben stationäre Systeme oft über einer kleinen Region stehen und entladen dort ihr gesamtes Wasser, was zu verstärkten Starkregenereignissen beiträgt. Die Zunahme von Extremwetterereignissen ist auch eine Konsequenz der Veränderungen in den Polarregionen.
Sie haben gesagt, dass sich die polaren Regionen z.T. stärker erwärmen als andere. Schmilzt Ihnen der Forschungsgegenstand weg?
Tatsächlich wird er durch diese Veränderungen noch bedeutender. Es ist leider absehbar, dass wir mindestens in einigen Sommern der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts kaum noch Eis auf dem Arktischen Ozean haben werden. Aber ob dies ein dauerhafter Zustand wird, ist derzeit noch unklar und hängt auch von den Maßnahmen ab, die wir ergreifen. Dennoch wird es Sommer geben, in denen das Eis nahezu vollständig verschwindet. Wir haben dann am Nordpol anstelle der geschlossenen Eisdecke ein offenes Ozeanbecken, auf dem man Segeln gehen kann – eine skurrile Vorstellung einer anderen Welt.
Wir wissen bisher noch nicht ausreichend, wie sich das globale Klima darauf einstellen wird. Im Winter wird die Wärme des Ozeans die Arktis intensiver aufheizen, da die dünner werdende Eisdecke die kalte Atmosphäre weniger vom warmen Ozeanwasser isoliert. Der Eisrückgang führt auch zu einer stärkeren Verdunstung von Wasserdampf, einer Veränderung der Wolkeneigenschaften und möglicherweise zu mehr Niederschlägen auf den umliegenden Kontinenten. All diese Prozesse müssen wir verstehen, da sie erheblichen Einfluss auf Wetter und Klima in unseren Breiten haben.
Es ist entscheidend, dass wir in der Lage sind, diese Veränderungen vorherzusagen, damit sich die Menschheit darauf vorbereiten kann. Das könnte ganz praktisch bedeuten, die richtigen Baumarten zu pflanzen oder die landwirtschaftlichen Praktiken anzupassen, um die potenziellen Schäden zu minimieren. Indem wir solche Maßnahmen ergreifen, können wir die Auswirkungen der bevorstehenden klimatischen Änderungen hoffentlich mildern.
Sie haben also keine Angst, dass Ihnen Ihr Forschungsgebiet abhandenkommt, sondern sehen aufgrund der Veränderungen die Notwendigkeit, noch genauer hinzuschauen?
Genau, meine Sorge ist nicht, dass das Gebiet selbst verloren geht. Aber die Bedingungen dort ändern sich so schnell, dass wir in der Forschung wahnsinnig schnell sein müssen. Während der großen MOSAiC-Expedition 2019/20 in der Arktis konnten wir viele Prozesse genaustens beobachten. Allerdings ist das Klima dort heute schon anders als das, was wir während der Expedition gesehen haben. Und in wenigen Jahren wird es möglicherweise wieder ganz anders sein.
Das Ökosystem in der Arktis reagiert sehr schnell auf diese Veränderungen, und wir müssen ebenso schnell in unserer Forschung sein, um Schritt zu halten. Eine wichtige Aufgabe ist es, diese Veränderungen umfassend zu dokumentieren, denn das Verständnis dieser Dynamik bildet die Grundlage für langfristige Betrachtungen und Modellprognosen. Nur durch ein genaues Verständnis der polaren Klimaprozesse können wir mit unseren Modellen Vorhersagen für die Zukunft machen und damit die jeweiligen Konsequenzen unterschiedlich ambitionierter Klimaschutzbemühungen aufzeigen und so zu verantwortungsbewusstem politischen Handeln beitragen. Zudem können so gezieltere Anpassungsmaßnahmen entwickelt werden, um Schäden durch Klimawandel möglichst abzumildern.
Ende November 2025 ging die Weltklimakonferenz COP 30 nahezu ergebnislos zu Ende, wie schon oft zuvor ohne echtes Bekenntnis der Politik zu einem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Wie gehen Sie als Wissenschaftler mit solchen Ergebnissen um?
In der Tat hat sich die Welt in den vergangenen zehn Jahren in eine unglückliche Richtung entwickelt. Anstatt auf internationale Kooperation und gemeinsame Verantwortung aller Staaten zu setzen, sind nationale Interessen wieder zunehmend in den Vordergrund getreten. Der Wettbewerb unter den Staaten dominiert derzeit die internationalen Diskussionen, was keine guten Voraussetzungen bietet, um ein globales Problem wie den Klimawandel zu lösen. Dieser kann nur durch gemeinschaftliches Handeln aller Staaten adäquat angegangen werden. Wir haben aber auch schon viel erreicht. Die jährlichen CO2-Emissionen der europäischen Staaten und Nordamerikas sinken seit Jahrzehnten – in Deutschland um fast 50 Prozent seit 1990 – und die weltweiten jährlichen Emissionen werden aller Voraussicht nach um das Jahr 2030 herum beginnen zu sinken – ein Erfolg hauptsächlich der Klimaschutzanstrengungen Chinas. Diese langfristigen Erfolge bieten auch in einer so schwierigen Zeit wie heute Anlass zu Motivation und Optimismus. Wir wissen, wie Klimaschutz geht, wir müssen nur viel schneller werden, als wir es derzeit sind.
Wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus? Sagen Sie „jetzt erst recht“ oder denken Sie „wir müssen das anders angehen“?
Wir bemühen uns, unsere Ergebnisse der Gesellschaft und der Politik klar und verständlich zu kommunizieren, damit aus ihnen die richtigen Schlüsse gezogen werden können. Und wir müssen diese Bemühungen noch weiter verstärken, denn wir befinden uns in einer Phase, in der das Ansehen der Wissenschaft leider sehr gelitten hat. Um das Vertrauen in die Wissenschaft wiederherzustellen, ist es entscheidend, die Faktenlage neutral, sowie fundiert und mit Respekt zu vermitteln. Insbesondere ist es wichtig, eventuelle eigene politische Agenden hier strikt von der Wissenschaft zu trennen. Wir brauchen die Forschung in der sich ändernden Gesellschaft als neutrale und verlässliche Instanz. Jeder Anschein einer agendagetriebenen Kommunikation schadet der Wissenschaft dramatisch und trägt zur Erosion von Vertrauen bei. Und gesellschaftliches Vertrauen ist das wichtigste Gut, das wir Wissenschaftler haben – unser gesamter Einfluss auf die Gesellschaft baut fundamental darauf auf.
Wenn eine Gesellschaft beginnt, Entscheidungen auf Grundlage von Verschwörungstheorien anstatt wissenschaftlicher Fakten zu treffen, gefährdet das ihre Zukunft erheblich. Deswegen sehe ich es als besonders wichtig an, der Wissenschaft einen klaren und einflussreichen Platz in der öffentlichen Diskussion zu verschaffen. Es geht für uns Wissenschaftler darum, durch präzise und transparente Kommunikation Vertrauen aufzubauen und damit zur Entscheidungsfindung in der Gesellschaft beizutragen.
Sie haben die MOSAiC-Expedition angesprochen: 2019/20 driftete der Forschungseisbrecher „Polarstern“ monatelang eingefroren durchs Nordpolarmeer. An Bord Menschen aus 20 Ländern. Sie haben die Expedition geleitet. Ein wahr gewordener Kindheitstraum?
Definitiv. Es ist schlichtweg ein Traum eines jeden Wissenschaftlers, solche außergewöhnliche Forschung zu machen, insbesondere dort, wo dies so noch nie möglich war. Die Arktis ist während des Winters von einer dicken Eisschicht bedeckt, so dick, dass selbst unsere besten Forschungseisbrecher nicht durchkommen. Wir waren dort immer ausgeschlossen – ein riesiger weißer Fleck auf der Landkarte der Forschungsdaten. Vor der MOSAiC-Expedition war noch nie im Winter ein Forschungseisbrecher in der Arktis. Das war komplettes Neuland für uns, und mit dem komplexen Instrumentarium, das wir dabeihatten – über 100 Tonnen naturwissenschaftliche Ausrüstung –, war es möglich, Dinge zum ersten Mal zu beobachten, die für unser Verständnis des Klimasystems von enormer Bedeutung und letztlich auch für die Entwicklung der Menschheit relevant sind.
Noch bis kurz vor der Abfahrt erschien es uns fast unglaublich, dass uns dieses Vorhaben wirklich gelingen könnte. Viele hatten gesagt, wir bräuchten diese Daten zwar dringend, aber die Umsetzung sei nicht möglich. Die Planungen für die Reise haben insgesamt zehn Jahre gedauert, und sie begannen natürlich als Bau von Luftschlössern, von denen kaum jemand glaubte, dass sie Wirklichkeit werden könnten. Aber ein kleiner Kreis hoch motivierter und hartnäckiger Menschen hat es geschafft zusammenzuarbeiten und die Expedition letztlich erfolgreich zu organisieren. 20 Nationen beteiligten sich an der Finanzierung, und es gelang uns, ein Budget von 140 Millionen Euro aufzubringen.
MOSAiC liegt inzwischen rund 5 Jahre zurück. Sind Sie immer noch damit beschäftigt, die umfangreichen Daten auszuwerten?
Absolut, und dieser Prozess wird sicherlich noch weitere fünf Jahre andauern. Bislang haben wir schon deutlich über 250 wissenschaftliche Artikel veröffentlicht, viele von ihnen hochzitiert. Die wissenschaftliche Gemeinschaft hat auf diese Daten und die daraus gewonnenen Erkenntnisse regelrecht gewartet. Zwei bis drei Jahre nach der Expedition ist die Publikationsrate fast exponentiell angestiegen und sie geht nach wie vor nicht zurück; der Höhepunkt unserer wissenschaftlichen Produktivität ist noch längst nicht erreicht. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Arbeit mit den MOSAiC-Daten auch in den kommenden fünf Jahren mit hoher Intensität fortgeführt wird.
Und wenn Sie einige der wichtigsten oder überraschendsten Erkenntnisse aus dieser Fülle herausheben sollten …
Die MOSAiC-Expedition ist wie ein riesiges Puzzle, das darauf abzielt, ein umfassendes Verständnis des Klimasystems der zentralen Arktis zu liefern. Wenn sie selbst mal ein Puzzle zusammengesetzt haben, sehen sie am Ende ein komplettes Bild und erkennen, was sie vor sich haben. Aber fällt es schwer zu sagen, welches denn jetzt das wichtigste Puzzlestück war. Das Wichtigste ist eigentlich die Vollständigkeit des Bildes.
So haben wir zum Beispiel als ein zentrales Ergebnis zum ersten Mal ein vollständiges Bild der Oberflächenenergiebilanz der Arktis erstellt. Diese Bilanz ist wichtig, weil sie bestimmt, ob eine Region sich erwärmt oder abkühlt. Wir verstehen nun, wie diese entscheidende Energiebilanz von Eigenschaften des Schnees, des Eises, des Ozean, der Luft und der Wolken abhängt, und wir haben gemessen, wie sich diese Eigenschaften im Verlauf der Jahreszeiten verändern. Dies können wir jetzt in unseren Klimamodellen erstmals auf echten Beobachtungen beruhend berücksichtigen.
Ein weiteres bedeutendes Ergebnis ist die Erkenntnis, dass das arktische Meereis kein Kipppunkt im Klimasystem darstellt – dies war bislang umstritten. Unsere Untersuchungen der Gefrierprozesse insbesondere im Winter haben gezeigt, dass das Eis sehr direkt und linear auf den Klimawandel reagiert und keiner nichtlinearen Kipppunktdynamik unterliegt. Das bedeutet: Wenn wir das Klimasystem stabilisieren und die Erwärmung stoppen, stabilisieren wir unmittelbar auch das arktische Meereis. Wir haben noch keinen Runaway-Punkt überschritten, ab dem das Eis von alleine verschwindet. Tatsächlich gibt es einen solchen Punkt gar nicht. Das Eis könnte sich sogar wieder ausbreiten, wenn das Klima irgendwann in der Zukunft wieder abkühlt. Diese Erkenntnis ist sowohl ermutigend als auch ein Aufruf zur Verantwortung – durch ambitionierten Klimaschutz können wir Teile des Lebensraums des Eisbären noch erhalten.
Ein drittes Beispiel: Die Expedition hat ein völlig neuartiges Ökosystem unter dem Eis entdeckt und erstmalig charakterisiert. Im Frühjahr entsteht unter der Eisdecke aus Schmelzwasser, das von Schmelztümpeln auf dem Eis durchsickert, ein System aus inversen Seen aus leichtem Frischwasser in den inversen Tälern und Gebirgen auf der Eisunterseite. Dies ist scharf gegen das darunterliegende kalte und salzige Meerwasser abgegrenzt und bildet einen eigenen Lebensraum. An den Grenzflächen dieser Seen zum Meerwasser tobt das Leben – ein faszinierendes Ökosystem. Diese neuen Ökosysteme sind aber nicht nur faszinierende Welten, sie tragen auch zur Klimadynamik bei, indem sie Gase und Aerosole produzieren, die das Wetter und Klima beeinflussen können.
Dies sind nur wenige Beispiele der vielen Ergebnisse. Letztlich ist wie gesagt jede der 250 Veröffentlichungen ein unerlässliches Puzzleteil im Gesamtverständnis des arktischen Klimasystems.
2026 ist eine große Ausstellung zur MOSAiC-Expedition gestartet. Was ist die Idee dahinter?
Die Ausstellung besticht durch ein großartiges immersives Konzept. Für alle, die nicht selbst in die Arktis reisen können oder wollen – eine Reise, die mit einem ökologischen Fußabdruck verbunden ist, den man vielleicht nicht hinterlassen möchte –, bietet die Ausstellung die Chance, dieser Erfahrung so nahe wie möglich zu kommen. In mehreren Räumen können Besucher sowohl die Arktis als auch die Antarktis erleben. Die Ausstellung geht jedoch über die bloße Vermittlung des Arktis- oder Antarktisgefühls hinaus. Sie erklärt auch die komplexen Zusammenhänge im Klimasystem und was jetzt getan werden muss, um diese einzigartigen Eiswelten zu schützen. Sie hat das Ziel, sowohl zu informieren, als auch zum Handeln zu motivieren, damit diese wertvollen Regionen erhalten bleiben.
Sie haben in den vergangenen Jahren selbst viel in die Öffentlichkeitsarbeit zur MOSAiC-Expedition investiert. Was treibt Sie an?
Ich glaube, das enorme Potenzial unserer Forschung liegt in zwei Bereichen. Erstens spielen sich unsere Forschungsaktivitäten in einem Gebiet ab, das viele Menschen fasziniert. Die Bilder und Geschichten, die wir von unseren Expeditionen zurückbringen, fesseln Menschen und wecken Interesse für die Wissenschaft. Dies ermöglicht es uns, Menschen für die Forschung zu begeistern und ihnen zu zeigen, welch fantastische Welt die Wissenschaft sein kann. Wir können damit auch gut zeigen, was mit den Ressourcen und den Steuergeldern, die in die Forschung fließen, erreicht wird und was wir für die Gesellschaft leisten.
Da unsere Forschung zugänglicher ist und einen Abenteuer-Aspekt hat, fühlen wir eine größere Verantwortung, diese Forschung zu kommunizieren. Natürlich können andere Forschungsfelder, wie die Elementarteilchenphysik, ebenfalls faszinieren, aber dafür bedarf es oft einer höheren Bereitschaft der Menschen, sich damit auseinanderzusetzen. Im Gegensatz dazu wecken Bilder von gigantischen weiß-blauen Eisbergen, niedlichen Eisbären oder Pinguinen sofort Aufmerksamkeit, und wir können diese gut nutzen, um auch wissenschaftliche Inhalte vermitteln. Wir haben das Potenzial, mit unserer Forschung Menschen zu erreichen, die sich ansonsten vielleicht weniger mit dem Klimawandel beschäftigen würden.
MOSAiC war ein ziemliches Abenteuer …
Jede Expedition hat ihren eigenen Reiz und ist auf ihre Art großartig. Aber MOSAiC war in der Tat herausragend, eine Expedition von enormem Maßstab, die bisher unerreicht blieb und dies auch noch lange bleiben wird. Fest eingefroren im Eis durch eine Region zu driften, die so isoliert vom Rest der Menschheit ist, war etwas ganz Besonderes. Wir waren in der Dunkelheit der Polarnacht völlig auf uns allein gestellt und drifteten am Nordpol – eine Erfahrung, die alle Teilnehmer bis zum Ende ihres Lebens bewahren werden. Aber gerade diese Kombination aus völligem Alleinsein, einer fremdartigen Umwelt und der Notwendigkeit, alle Herausforderungen selbst meistern zu müssen, schweißt das Team zusammen. Solche Unternehmungen sind nicht nur wissenschaftlich bedeutend, sondern auch persönliche Herausforderungen und Erfahrungen, die unvergesslich bleiben.
Wird es so etwas wieder geben?
In dieser Form erst mal nicht. Aber wir befinden uns derzeit in der Planung für eine große, international koordinierte und multidisziplinäre Expedition zur Antarktis. Diese Expedition ist besonders wichtig, da wir wie erwähnt in den vergangenen Jahren überraschende und besorgniserregende Entwicklungen in der Antarktis beobachten konnten, wie den plötzlichen Rückgang des dort zuvor stabilen Meereises und atemberaubende Hitzewellen bis hoch auf dem antarktischen Eisschild. Tatsächlich haben wir Temperaturen von bis zu 40 Grad Celsius über dem Normalwert gemessen – beispiellose Extremereignisse, die alle Hitzewellen im Rest der Welt in den Schatten stellen. Dies verdeutlicht, wie massiv und unerwartet die Entwicklungen in der Antarktis derzeit sind. Um diese Ereignisse zu verstehen, ist es dringend erforderlich, dass wir vor Ort forschen. Daher planen wir für das Jahr 2028 eine umfassende Untersuchung in der Antarktis, die das gesamte Jahr über stattfinden wird. Der Ablauf ist anders als bei MOSAiC, es wird keine lange isolierte Eisdrift und das Schiff wird während des Jahres mehrfach Häfen zur Versorgung ansteuern. Aber unsere Forschung wird uns hoffentlich helfen, die Mechanismen hinter diesen extremen Ereignissen besser zu verstehen und Lösungen für ihre Auswirkungen zu entwickeln.
Da traue ich mich ja kaum, nach dem „Tagesgeschäft“ zu fragen …
Nun, zum einen bin ich tatsächlich schon jetzt intensiv mit der Planung und Vorbereitung der eben erwähnten großen Antarktisexpedition beschäftigt. Gleichzeitig bin ich regelmäßig auf kleineren Expeditionen in Arktis und Antarktis unterwegs oder an einer Forschungsstation auf einer tropischen Insel im Westpazifik, die ich dort vor zehn Jahren aufgebaut habe und die seitdem in einem ganz anderen Forschungsbereich wichtige Erkenntnisse zu Luftchemie der Region und der globalen Stratosphäre liefert. Und ich koordiniere natürlich auch noch die wissenschaftliche Auswertung der MOSAiC-Ergebnisse; gerade organisiere ich die vierte große internationale Tagung dazu im März in Potsdam. Glücklicherweise haben wir ein großartiges, eingespieltes Team, das inzwischen viel eigenständig erledigt. Trotzdem bleibt es wichtig, die Dinge weiterhin zu koordinieren und sicherzustellen, dass alles im großen Zusammenhang Sinn ergibt.
Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf der Entwicklung neuer Klimamodelle. Bisher haben wir in der Klimaforschung über Jahrzehnte hinweg keine Durchbrüche bei der Modellierung von Wolken und ihren wesentlichen Wechselwirkungen mit Aerosolen gemacht. Diese Wechselwirkungen sind nach wie vor die größten Unsicherheiten in den Klimamodellen. Das liegt unter anderem daran, dass Wolkenprozesse von der Nanometerskala bis hin zum globalen Maßstab reichen. Traditionelle Klimamodelle, die sich auf die numerische Lösung von gekoppelten Differenzialgleichungen, welche die Prozesse beschreiben, stützen, sind nicht sehr gut darin, diese „steifen“ Systeme zu modellieren. Daher arbeite ich nun an einem datengetriebenen Modellierungsansatz, der auf künstlicher Intelligenz basiert und diese Herausforderungen besser adressieren könnte. Es geht hier im Kern darum, erstmalig ein Foundation-Modell für Wolken und Aerosole zu entwickeln – KI und riesige Datenmengen statt Prozessverständnis und Differenzialgleichungslösung. Wir werden sehen, wohin uns das führt.
Dank des NOMIS-Preises, den ich kürzlich für meine Arbeit gewonnen habe, kann ich diese Forschung schnell vorantreiben. Mit dem Preisgeld habe ich die Möglichkeit, frei zu forschen und diesen modernen Ansatz zu erproben, ohne durch Forschungsbürokratie ausgebremst zu werden. Es ist erst das dritte Mal, dass dieser renommierte Preis nach Deutschland kommt und das erste Mal an unsere Universität. Ich bin darüber sehr erfreut und plane, mithilfe des Preisgeldes eine neue Arbeitsgruppe aufzubauen, die an diesem zukunftsweisenden Projekt arbeiten wird.
Weitere Informationen zu Prof. Dr. Markus Rex: https://www.awi.de/ueber-uns/organisation/mitarbeiter/detailseite/markus-dietrich-rex.html
Weitere Informationen zur Verleihung des NOMIS-Awards an Prof. Dr. Markus Rex: https://www.uni-potsdam.de/de/nachrichten/detail/2025-10-17-nomis-preis-2025-geht-an-klimaforscher-prof-markus-rex