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„Das vertiefende Lernen voneinander ist der Grundgedanke der Allianz“ – Wie EDUC die Universität Potsdam bereichert

Vor knapp sieben Jahren gründeten sechs europäische Hochschulen die European Digital UniverCity (EDUC), eine Hochschulallianz unter Führung der Universität Potsdam, die Studierende, Forschende und Beschäftigte der Partner „zu einer neuen Gemeinschaft zusammenführen“ sollte. Aufbauend auf langjährigen Lehr- und Forschungskooperationen zwischen den einzelnen Partnerhochschulen war das Ziel eine neue Qualität der Zusammenarbeit in Lehre und Forschung. Matthias Zimmermann sprach mit der Leiterin der Allianz, der Vizepräsidentin der Universität Potsdam Dr. Britta van Kempen, und ihrer Managerin Katharina Kloss über Erreichtes, Verbindendes und Pläne für die Zukunft.

Vor fast genau 7 Jahren wurde EDUC gegründet. Die Idee: „ein gemeinsamer Raum, in dem Studierende, Lehrende und Verwaltungspersonal ohne administrative, kulturelle und soziale Hindernisse zusammenarbeiten können“. Ist das gelungen?

Britta van Kempen: Ja, unbedingt. Wobei ich sagen muss, dass die kulturellen und sozialen Hindernisse eigentlich nie hoch waren. Wenn es etwas zu bewältigen gab und gibt, waren es administrative Hürden. Ich schaue aber statt auf Hindernisse ohnehin lieber auf Chancen, und diese haben wir in jeder Hinsicht gut genutzt. Ich denke, EDUC ist eine Struktur, die vorhandene Chancen nutzt. Und, als ich zu EDUC dazustieß, habe ich die Allianz als eine Art Familie kennengelernt und erlebt, in der es einen sehr engen Austausch und Zusammenhalt gibt. 

Katharina Kloss: Ein sehr schönes Bild: eine Struktur, die vorhandene Chancen nutzt. Die Entwicklung von EDUC ist meiner Meinung nach vergleichbar mit der Geschichte der Europäischen Union: Bei dieser wurde in den ersten Jahren bis 1959 das Fundament gelegt. So gesehen, sind die sechs Jahre Aufbau unserer Allianz eine kurze Zeit. In den 1960ern wurde geschaut, wie weit die kulturellen Gemeinsamkeiten tragen, und in den 1970ern kam die Erweiterung – beides Prozesse, die wir auch mit EDUC durchlaufen. Wir sind eine Art Mini-EU geworden, mit Abstimmungsverhalten und Diskussionen, die auch kulturell spannend sind. Es ist ein langer Prozess, der sich aber lohnt.

Und wenn man beim Bild einer Struktur bleiben will: EDUC ist ein lebendiges Netzwerk, wie ein Schienennetz, das über Europa aufgespannt ist – und das weiter wächst. Die Allianz ist um zwei Hochschulen in Norwegen und Spanien gewachsen, dazu kommen zwei Universitäten aus Großbritannien (Nottingham) und der Ukraine (Ivano-Frankivsk), mit denen wir eng zusammenarbeiten. 

 

Was macht diesen gemeinsamen Raum aus bzw. besonders? 

Katharina Kloss: Zentrale Komponente ist fraglos der EDUC Virtual Campus, der den europäischen Gedanken im Digitalen erfahrbar machen soll. Wir haben einen gemeinsamen Kurskatalog, ein gemeinsames Moodle und eine Forschungsplattform. Technisch war es eine riesige Herausforderung, Schnittstellen zu definieren und die verbindende Plattform in die bestehenden IT-Infrastrukturen zu integrieren. Jetzt ist das Portal, das Ende 2025 fertiggestellt wurde, der zentrale Anlaufpunkt, wo alle Angebote von EDUC versammelt sind. Hier finden alle Studierenden, aber auch Forschende und Beschäftigte der Hochschulen mit wenigen Klicks, was für das eigene Studium bzw. die eigene Arbeit relevant ist. 

 

Zusammen mit EDUC sind Dutzende europäischer Hochschulallianzen an den Start gegangen, inzwischen sind es 65. Was macht EDUC einzigartig?

Britta van Kempen: Was uns auszeichnet, ist das „D“ in EDUC – eine konsequente Digitalisierung, die die Basis unserer Vernetzung und aller Mobilitäten bildet. Was das angeht, fungieren wir auch als Role Model für andere, vor allem jüngere Allianzen. Diese sind zum Teil thematisch fokussierter, während wir als „digitale europäische Universität“ ein Stück weit alle Facetten einer Hochschule „mitnehmen“. 

Katharina Kloss: Besonders an EDUC ist auch, dass wir digitale Nachhaltigkeit und Souveränität sowie menschliche Würde ins Zentrum dessen stellen, was wir entwickeln wollen. Open-Source-Plattformen wie Moodle und Nextcloud werden zu Motoren für die lokale Entwicklung der Hochschulen.

 

Hinter den europäischen Allianzen steht auch der europäische Gedanke – dass uns viel verbindet und wir gemeinsam mehr sind als die Summe der Teile. Inwiefern zeigt sich das in EDUC?

Katharina Kloss: Ein aktuelles Beispiel ist unser Policy Roundtable zur Schulkooperation. Forschende arbeiten international und Studierende kennen das Erasmus-Programm, aber je weiter man sich von der Universität entfernt, desto weniger präsent ist diese europäische Verbindung. Deshalb haben wir in der Allianz – lange – darüber diskutiert, wie jede Universität die Zusammenarbeit mit Schulen organisiert, um zu zeigen: Hier gibt es früh schon Berührung mit Europa. Es war spannend zu sehen, dass jede Hochschule dabei eigene Ansätze hat.

Britta van Kempen: Uns ist bewusst: Um tatsächlich ein Game Changer zu sein, brauchen wir mehr Zeit! Die Bologna-Reform hat damals die Abschaffung des Magisters bewirkt und Bachelor/Master eingeführt – das war revolutionär und wurde mit wenigen Ausnahmen zentral in allen Hochschulen umgesetzt, aber es war dennoch in jeder einzelnen ein langwieriger Prozess. Wir befinden uns noch in der Entwicklungsphase und müssen jetzt endlich verstärkt die Fakultäten und Fächer einbeziehen. 

Katharina Kloss: In gewisser Weise sind wir Vorarbeiter und das dauert. Auf individueller Ebene zeigen sich längst echte Mehrwerte für die Beteiligten. Nach jedem Kurs erfassen wir die Wahrnehmungen der Studierenden. Natürlich berichten die UP-Angehörigen immer wieder von den spannenden Unterschieden, die sie erleben. Vor allem aber ist es großartig zu sehen, dass wir Wege finden, stabile Brücken zu bauen.

Britta van Kempen: Wie gesagt: EDUC ermöglicht, Chancen und Strukturen zu nutzen, das merken auch wir als Team im Austausch mit den Verantwortlichen der Partnerhochschulen. Das vertiefende Lernen voneinander ist der Grundgedanke der Allianz.

Katharina Kloss: Ganz im Sinne Europas.

 

Wie kompatibel sind die Forschungs- und Lehrkulturen der Partnerhochschulen? Wo und wie waren Kompromisse nötig? Und wo kann man voneinander lernen?

Katharina Kloss: Unterschiede gibt es, keine Frage. Die Allianz steht auch dafür ein, dass wir nicht alle gleich werden wollen. Jede Universität bleibt ihren Stärken treu und ist dadurch eine wertvolle Komponente von EDUC. Wir haben oft darüber diskutiert: Hochschulallianz bedeutet nicht, dass wir irgendwann nur noch eine europäische Universität haben, sondern dass jede Hochschule ihre einzigartigen Stärken in die Allianz einbringt. Wichtig ist, wie wir einen gemeinsamen Nenner für unsere Zielgruppen finden. Viel auf dem Weg dorthin probieren wir zum ersten Mal, daher dauert das manchmal.

 

Kann man sich EDUC wie einen Motor, in dem jede Hochschule ein anderes Bauteil ist, eine andere Aufgabe hat? Falls ja, welche Rolle übernimmt die Universität Potsdam?

Katharina Kloss: Die Universität Potsdam ist Koordinatorin des Netzwerks – sozusagen das Schaltzentrum. Wir haben den Überblick über bestimmte Entwicklungen und koordinieren die Anträge, was uns ermöglicht, genau zu wissen, wann die anderen Hochschulen in den Prozess einsteigen können und wo ihre Stärken liegen.

Britta van Kempen: Tatsächlich hat sich eine Zusammenarbeit entwickelt, in der die Partner sich auf verschiedene Aufgaben fokussieren. Diese Aufteilung spiegelt die individuellen Stärken der Einrichtungen wider, die zusammen ein vollständiges Bild ergeben – nicht zuletzt deshalb haben sich die Hochschulen ja auch in der Allianz zusammengefunden. Beispielsweise sind die Universität von Südostnorwegen und die Universität Pécs hervorragend im Bereich des gesellschaftlichen Engagements. 

Katharina Kloss: Die Masaryk-Universität, aber auch Rennes und Cagliari, fokussieren sich stark auf die Forschungseinbindung. Spanien hingegen hat einen starken Fokus auf die Digitalisierung. Entscheidend ist, dass jeder Partner in allen Bereichen Verbindungspunkte und Wege findet, damit Akteure aktiv teilnehmen können. Derzeit gibt es auch Diskussionen darüber, wie wir die Mehrsprachigkeit der Allianz gewinnbringend nutzen können, etwa durch Tandems oder Sprachkurse.

 

Hat die Arbeit mit und in der Allianz auch zu einem neuen Blick auf die eigene Hochschule geführt? 

Britta van Kempen: Ja, zum Beispiel hat der Fokus auf innovative Bildungsformate innerhalb der Allianz das Thema auch an der Uni Potsdam auf der Agenda nach oben rücken lassen: Jetzt haben wir eine Zertifikateordnung, dank der auch kleinere Lerneinheiten, sogenannte Microcredentials, besser ins Studium integriert werden können. Das ist nicht nur für die Nutzung von Angeboten anderer Allianzhochschulen sinnvoll, sondern ermöglicht in vielfacher Hinsicht mobilere Bildungswege. Auch ein Aspekt in der Novelle des Brandenburgischen Hochschulgesetzes war eine direkte Auswirkung der Allianzarbeit: Jetzt können Studierende der Allianz Kurse an der Universität Potsdam absolvieren, etwa eine Summer School, ohne hier immatrikuliert zu sein. Dadurch werden auch kurzzeitige Aufenthalte an EDUC-Unis möglich, die für das eigene Studium anerkannt werden.

Außerdem gibt es bereits mehrere Studiengänge mit Double Degrees, also Abschlüssen an mehreren EDUC-Universitäten gleichzeitig. Das sind wichtige Schritte, die die Studierenden betreffen.

Katharina Kloss: Und, nicht zuletzt, hat sich die digitale Infrastruktur an allen Partnerunis nachhaltig verändert und wir hoffen, dass dies das Studium für lange Zeit positiv prägen wird. 

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Britta van Kempen: Ich wünsche mir, dass die Universität Potsdam dank EDUC den europäischen Gedanken als Selbstverständlichkeit lebt und erlebt. Dahin möchte ich die Allianz entwickeln.

 

Die Förderung für EDUC läuft Ende 2026 aus. Wie soll es danach weitergehen?

Katharina Kloss: Anfang März haben wir einen Antrag für eine Weiterförderung für zwei Jahre eingereicht. Im Erfolgsfall können wir das Team halten und das Programm fortführen. Unsere Konzeption geht aber schon darüber hinaus – bis ins Jahr 2035. Ziel ist es, gemeinsame Strukturen zu etablieren, die nachhaltig wirken. Wir wollen strategisch aufgestellt sein und sicherstellen, dass der bisherige Aufbau für alle Universitäten sinnvoll war.

Britta van Kempen: Denn wir sind längst an einem Punkt, wo wir sagen können und sollten, dass die europäische Komponente, die EDUC bietet, für Studierende und Forschende attraktiv ist – und die Universitäten dadurch einen wichtigen Standortvorteil haben. 

 

Gibt es Ideen, wie EDUC auch über die EU-Förderung hinaus Bestand haben kann?

Britta van Kempen: Wir sollten mit dem wuchern, was etabliert ist. Wir sind eine verlässliche Familie mit gemeinsamen Studienprogrammen, die ein gutes Studium und Mobilität ermöglichen. Aber ich bin zuversichtlich, dass die EU ein starkes Interesse daran hat, die Allianzen zu stärken und zu verstetigen. EDUC steht für E wie Education, D wie Digitalisierung, U wie Universität und C wie Citoyen, also die Gemeinschaft der Bürgerinnen und Bürger. Diese vieldimensionalen Verbindungen sind wertvoll und machen EDUC zu einer starken Allianz für die Zukunft.

 

Weitere Informationen zu EDUC: https://www.uni-potsdam.de/de/educ