Wie mehrsprachig ist Brandenburg eigentlich?
Schroeder: Brandenburg ist auf interessante Weise ziemlich mehrsprachig, allerdings unterscheidet es sich von Berlin. Während Berlin durch Migranten in den letzten 40 Jahren eine Vielzahl von Sprachen integriert hat, zeigt Brandenburg eine andere Art von sprachlicher Vielfalt. Im Flächenland Brandenburg gibt es zwei anerkannte Minderheitensprachen, Sorbisch und Romanes, sowie eine Regionalsprache, Niederdeutsch. Polnisch wird als Nachbarsprache angesehen und hat einen speziellen Status. Dazu kommen viele neuere Sprachen der Zuwanderer. Diese Vielfalt sorgt für einen anderen Typus des Schmelztiegels — vielleicht ein großes Wort, aber dennoch gibt es in Brandenburg eine sprachliche Diversität, die im Vergleich zum Stadtstaat besonders ist.
Steinbock: Auch historisch ist die Mehrsprachigkeit in Brandenburg präsent. Es gibt bedeutende Einflüsse des Französischen und Jiddischen, aber auch von anderen slawischen Sprachen. Und nicht zu vergessen die Sprachen von Menschen, die in der Vergangenheit durch gezielte Anwerbung in die Region kamen – das zieht sich durch die Geschichte der Mark Brandenburg und Preußens bis in die heutige Zeit …
Schroeder: Dadurch finden sich aus dem Mittelalter Spuren des Flämischen in Brandenburg, und heute ist etwa Vietnamesisch in Brandenburg stark vertreten.
Steinbock: Russisch nimmt in Brandenburg ebenfalls eine besondere Stellung ein, ursprünglich durch die sowjetische Militärpräsenz, aber auch noch danach.
Wo ist diese sprachliche Vielfalt konkret bemerkbar?
Schroeder: In Frankfurt (Oder) ist die polnische Sprache sehr präsent, sowohl in der Beschilderung als auch in der sprachlichen Landschaft. Die Öffnung der Grenze hat Bedeutung des Polnischen wesentlich erhöht. Im Süden Brandenburgs fällt Sorbisch durch zweisprachige Ortsschilder und die besondere Integration in Schulen auf.
Steinbock: Niederdeutsch ist, unterstützt von Interessenverbänden, vielerorts im Stadtbild präsent und spielt besonders für die Identität des nördlichen Teils Brandenburgs eine wichtige Rolle. In manchen kleinen „Hochburgen“ werden Minderheitensprachen sowohl mündlich als auch schriftlich gelebt, wobei dies für Sorbisch noch stärker gilt als für Niederdeutsch.
Schroeder: Die brandenburgische Mehrsprachigkeit ist auch an vielen Stellen in der „Sprachlandschaft“ präsent, also in öffentlichen Schildern, Ankündigungen, Werbetafeln. Dazu hat die Kollegin Dr. Marta Lupica Spagnolo von der Romanistik in diesem Wintersemester ein spannendes Seminar durchgeführt, dessen Ergebnisse ebenfalls die Website bereichern werden.
Steinbock: Unser Seminar hat gezeigt, dass die sprachliche Vielfalt in Brandenburg für viele nicht so unmittelbar sichtbar ist. Die Mehrsprachigkeit, die viele Sprachen mit unterschiedlichen Hintergründen umfasst, offenbart sich vielerorts erst bei näherem Hinsehen. Diese Vielfalt stärker sichtbar zu machen, ist wünschenswert und auch das Ziel unseres Vorhabens, um Menschen dazu zu ermutigen, sich damit auseinanderzusetzen. Es wäre wichtig für Brandenburg, diese Offenheit zu fördern und die Sprachen als Teil des gesellschaftlichen Lebens zu verstehen.
Warum beschäftigt sich das Zentrum Sprache - Variation – Mehrsprachigkeit (SVM) damit?
Steinbock: Es gehört zu den Kernaufgaben des SVM, sich mit der regionalen und überregionalen Vielfalt der Sprachen und deren unterschiedlichen Ausprägungen zu befassen, immerhin steckt Mehrsprachigkeit ja schon in seinem Namen.
Schroeder: Das SVM war maßgeblich an der Entwicklung des brandenburgische Mehrsprachigkeitskonzepts und des Rats für Mehrsprachigkeit beteiligt, was seine Verankerung in der Erforschung und Förderung von regionaler Mehrsprachigkeit zeigt. Mit dem Seminar und der Website wollen wir das sichtbarer machen.
Was haben Sie in ihrem Seminar zur Mehrsprachigkeit ganz konkret gemacht?
Schroeder: Ich habe schon vor zwei Jahren ein erstes Bachelorseminar zur Mehrsprachigkeit in Brandenburg durchgeführt. Wie sich zeigte, ein faszinierendes Thema, bei dem die Studierenden gut mitgingen. Daraus entstand die Idee unseres zweiten Seminars, dessen Teilnehmenden explizit an der Entwicklung einer Website dazu arbeiten. Da dafür technische und digitale Kompetenzen sowie das Schreiben verständlicher, journalistischer Texte gefragt sind, haben wir das Seminar für Bachelor- und Masterstudierende geöffnet. Das hat gut funktioniert, alle Teilnehmenden waren engagiert dabei. Für unser Grundanliegen, die Mehrsprachigkeit des Landes bekannter zu machen, ist das Seminar aber nur der Anfang, denn wir wollen die Menschen zur Mitwirkung einladen …
Steinbock: … gewissermaßen in Richtung Citizen Science.
Schroeder: Genau. Wir haben schon den Studierenden den Auftrag gegeben, ihre eigenen Perspektiven einzubringen und in ihrem Umfeld, sowohl auf der Straße als auch im Netz, nach Mehrsprachigkeit zu suchen. Die Studierenden, viele davon in Brandenburg aufgewachsen, konnten dabei ihre konkreten Erfahrungen einbringen.
Im Seminar haben sie sich dann in Gruppen organisiert und auf den Weg gemacht, um an konkreten Projekten zu arbeiten. Es gab keine thematischen Vorgaben, die Studierenden konnten ihre Ideen einbringen. Einige Gruppen arbeiteten zu spezifischen Sprachthemen wie Sorbisch, Polnisch, Niederdeutsch und Ukrainisch. Andere konzentrierten sich auf allgemeine Facetten der sprachlichen Vielfalt in Brandenburg wie das Konzept der Mehrsprachigkeit an Schulen.
Steinbock: Durch die entstandenen Sprachporträts und die Arbeiten zu übergreifenden und historischen Themen haben sich große thematische Blöcke herausgebildet, die der Website eine Struktur geben. Diese kann sich aber durchaus noch verändern. So sollen weitere moderne Zuwanderungssprachen hinzukommen. Außerdem wollen wir noch verschiedene interaktive Formate entwickeln, um die Mehrsprachigkeit erlebbar zu machen, etwa kleine Quizzes und dynamische Sprachlandkarten.
Wie können Brandenburgerinnen und Brandenburger – Sinne von Citizen Science – an dem Projekt mitwirken?
Schroeder: Bislang sind nur einige Sprachporträts entstanden, da ist noch viel mehr möglich. Es wäre gut möglich, dass jemand sich dazu entschließt, das Kurdische in Brandenburg vorzustellen.
Steinbock: Innerhalb der Universität haben wir bereits Kontakte geknüpft, um beispielsweise das Jiddische in unsere Projekte einfließen zu lassen.
Schroeder: Vielleicht möchten auch Schulen Projekte durchführen und mehr über ihre sprachliche Umgebung herausfinden.
Steinbock: Bis jetzt gibt es keine umfassend vernetzte Darstellung der sprachlichen Vielfalt in Brandenburg. Langfristig könnte die Website dazu beitragen, Initiativen, Vereine, Bildungsträger und ihre Aktivitäten sowie Angebote sichtbarer zu machen. Es besteht auch die Möglichkeit, kleine individuelle Porträts zu erstellen, wie zum Beispiel über persönliche Mehrsprachigkeitserfahrungen in Brandenburg. Wir sind offen für verschiedene Ansätze, freuen uns über neue Ideen – und wollen es den Menschen leicht machen, sich zu beteiligen.
Wie wollen Sie das Portal bekanntmachen?
Steinbock: Für große Marketingkampagnen fehlt es an Ressourcen. Stattdessen werden wir auf effektive Kommunikationsmittel wie Newsletter setzen und Schulen besuchen, um das Portal dort bekannt zu machen.
Schroeder: Wir planen auch, das Portal über den Rat für Mehrsprachigkeit vorzustellen, da dieser alle relevanten Verbände umfasst. Interessierte können mit uns demnächst, beim Tag der Wissenschaften am 9.Mai 2026, ins Gespräch kommen. Bei der Veranstaltung werden wir zusammen mit Projekten zum Niederdeutschen, den „Sprachlandschaften“ von Frau Lupica Spagnolo und dem ZESSKO unter dem Titel „Sprachliche Vielfalt in Brandenburg“ präsent sein.
Weitere Informationen:
Das Portal: https://www.uni-potsdam.de/de/svm/mehrsprachigkeit-in-brandenburg/studentische-projekte
Das Zentrum Sprache - Variation – Mehrsprachigkeit (SVM): https://www.uni-potsdam.de/de/svm/
Das Mehrsprachigkeitskonzept für das Land Brandenburg: https://mbjs.brandenburg.de/sixcms/media.php/140/mehrsprachigkeitskonzept.pdf