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Lernen in Vielfalt – Zehn Erkenntnisse aus der Bildungsforschung

Im Projekt „Multidimensionale Heterogenität im Klassenzimmer: Messung, Effekte, Mechanismen“ erforschen Camilla Rjosk, Claudia Neuendorf, Rebecca Wetter, Svenja Hascher und Chenru Hou die Durchmischung der Schülerschaft an Schulen. Wir stellen zehn Punkte vor, die wir über die Vielfalt im Klassenzimmer lernen können.

„Ziel sollte es sein, allen Menschen, unabhängig von Herkunft, Fähigkeiten oder spezifischen Lernbedürfnissen, reale und gleichwertige Chancen zur Entfaltung ihrer akademischen und persönlichen Potenziale zu ermöglichen. Inklusion wird damit zu einem leitenden gesellschaftlichen Prinzip, das soziale Teilhabe für alle und Chancengerechtigkeit nachhaltig stärkt.“

1. Schülerinnen und Schüler einer Klasse unterscheiden sich in mehreren Merkmalen gleichzeitig. Etwa im Leistungsstand, im Geschlecht oder in ihren Interessen. Je mehr Schüler*innen sich in verschiedenen Dingen voneinander abheben und je mehr Untergruppen dadurch entstehen, desto heterogener ist die Schülerschaft. „Sind beispielsweise alle Jungen an Mathe interessiert oder gibt es auch welche, deren Vorlieben in andere Richtungen gehen?“, fragt Camilla Rjosk, Professorin für Schulentwicklung. „Je weniger sich solche Merkmale überschneiden, desto höher ist die Vielfalt der Gruppe.“

2. Die Bildungsforschung konzentriert sich in erster Linie auf Differenzen in der Leistung, im ethnischen und sozialen Hintergrund, in Interessen und Geschlecht sowie auf etwaige sonderpädagogische Förderbedarfe. Auch Verhaltensauffälligkeiten oder das Arbeitsverhalten sind wichtige Aspekte. „Befragt man Schulleitungen und Lehrkräfte, worin sie die Vielfalt ihrer Schüler*innen wahrnehmen, dann sind es diese Dimensionen, die häufig genannt werden “, sagt Camilla Rjosk. 

3. Wie stark sie sich voneinander unterscheiden, schätzen die Kinder einer Klasse selbst unterschiedlich ein. „Schüler*innen ethnischer Minderheiten nehmen mehr Heterogenität im ethnischen Hintergrund in ihrer Klasse wahr als Schüler*innen ohne Migrationshintergrund“, erklärt Rebecca Wetter. „Schüler*innen scheinen zudem die ethnischen und sozialen Unterschiede deutlicher zu spüren als jene in Bezug auf die Leistungen oder Interessen ihrer Mitschüler*innen.“

4. Vielfalt hat auf den Bildungserfolg einen messbaren Einfluss – aber nicht unbedingt einen negativen. So zeigen die für den IQB-Bildungstrend erhobenen Daten, dass selbst in Klassen mit hoher multidimensionaler Heterogenität durchschnittlich allenfalls geringfügig schlechtere Deutsch-Lesekenntnisse vorherrschen. „Das liegt aber nicht an der Heterogenität an sich“, sagt Rebecca Wetter, „sondern hauptsächlich dar an, dass dort oftmals mehr Schüler*innen aus benachteiligten Gruppen lernen, für die beispielsweise Deutsch nicht die Muttersprache ist.“ Der IQB-Bildungstrend ist eine repräsentative Erhebung des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und erfasst regelmäßig Kompetenzen sowie Hintergrundmerkmale von Schüler*innen der 4. und 9. Klasse in Deutschland.

5. Auf die Interaktionen zwischen Schüler*innen kann sich die Vielfalt im Klassenzimmer positiv auswirken, etwa in Hinblick auf das Hilfeverhalten. Die Forscherinnen sehen Hinweise darauf, dass sich Schüler*innen in Klassen mit hoher Heterogenität öfter gegenseitig unterstützen. Gleichzeitig lässt sich kein Zusammenhang mit erhöhter Viktimisierung (etwa durch „Mobbing“) nachweisen, obwohl man das vielleicht erwarten würde. Umgang mit der Heterogenität im Klassenzimmer sind manche Unterrichtsfächer eher prädestiniert als 

6. Für einen pädagogisch wertvollen andere. „Die Annahme ist, dass Schüler*innen mit anderen Ideen konfrontiert werden, auch weil ihre Mitschüler*innen mit unterschiedlichen Hintergründen andere Erfahrungen gemacht haben“, sagt Camilla Rjosk. „Das trifft auf sprachliche oder gesellschaftswissenschaftliche Fächer sicherlich eher zu als auf Mathematik.“ Dennoch könne man als Lehrperson den Unterricht auch in Naturwissenschaften an die Lebensrealität der Schüler*innen anbinden, wenn beispielsweise ein Kind aus einem Land stammt, in dem andere physikalische Einheiten gebräuchlich sind.

7. Wichtiger als die Ausprägung der Vielfalt ist die Art und Weise, wie Lehrkräfte mit ihr umgehen. „Es kommt dar auf an, dass sie eine gute Beziehung zu den Schüler*innen herstellen und diese zum Zusammenhalt anregen“, sagt Svenja Hascher. „Lehrkräfte können dies in gewissem Grad steuern, indem sie die Schüler*innen entsprechend platzieren oder in Kleingruppen arbeiten lassen. Sie können so die positiven sozialen Effekte von Heterogenität, wie etwa das Lernen voneinander, fördern.“

8. Statistisch betrachtet ist die Qualität des Unterrichts selbst in hochgradig durchmischten Klassen nur unwesentlich geringer. Kriterien hierfür sind kognitive Aktivierung, gutes Klassenmanagement und unterstützendes Unterrichtsverhalten durch die Lehrkraft. „In den multidimensionalen heterogenen Klassen sind diese Kriterien im Durch schnitt ein bisschen niedriger ausgeprägt“, erläutert Svenja Hascher. „Dafür wenden die Lehrkräfte hier allerdings eine größere Vielfalt an Methoden an.“

9. Forschungsergebnisse des MuHiK Teams zeigen: „Wenn es darum geht, einen qualitativ hochwertigen Unterricht anzubieten, dann tun sich offenbar jene Lehrkräfte leichter, die positive Einstellungen zu Vielfalt mitbringen und sich das Unterrichten in heterogenen Klassen selbst auch zutrauen. Diese Lehrkräfte fühlen sich durch Heterogenität auch weniger belastet“, berichtet Svenja Hascher. Der Erfolg im Umgang mit heterogenen Klassen ist auch eine Frage der Einstellung und der Vorbereitung.

10. Lehrkräfte können die soziale Bandbreite, aber auch das Leistungsgefälle zwischen Schüler*innen in der Unterrichtsgestaltung berücksichtigen, etwa durch Peer Learning oder gemeinsames Projektlernen der Kinder. „Ob und wie die Heterogenität einer Klasse dabei eine Rolle spielt, ist jedoch noch nicht gut erforscht“, sagt Camilla Rjosk. „Ab Januar 2026 starten wir aber ein Projekt zu multidimensionaler Diversität als Ressource für kooperatives Lernen hier an der Uni Potsdam.“


In Zusammenarbeit mit dem Zentrum für IT und Medien haben die Forscherinnen ein Erklärvideo erstellt, das auf verständliche Weise die Bedeutung multidimensionaler Heterogenität im Klassenzimmer veranschaulicht. 
Zum Video: https://www.youtube.com/watch?v=q8eRArYdV00&t=1s

Eine Folge des Podcasts “Wissen geht UP!” geht mit Rebecca Wetter der Frage nach, wie Schülerinnen und Schüler die Heterogenität im Klassenzimmer selbst wahrnehmen und was ihnen das bringt: https://www.uni-potsdam.de/de/up-entdecken/upaktuell/podcasts/podcast-reihe-wissen-geht-up-archiv

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.

Veröffentlicht

Online-Redaktion

Nele Reimann

Sachgebiet