Was steht in Ihrem Buch – in drei Sätzen?
Was passiert eigentlich mit einer Lehrkraft, die in ihrem Herkunftsland jahrelang unterrichtet hat und nach Deutschland migriert? Deutschland braucht zwar dringend Lehrkräfte, aber in anderen Ländern ausgebildete Lehrkräfte kommen hier nicht im Schuldienst an – wie kann das sein? Unser Buch nimmt diese Fragen am Beispiel des Refugee Teachers Program in den Blick und zeigt, wie ein neu entwickeltes Programm über neun Jahre damit umgegangen ist – von der Beratung und Weiterqualifizierung bis zur wissenschaftlichen Begleitung. Eine unserer wichtigen Erfahrungen ist dabei: Es reicht nicht, nur an einem Punkt anzusetzen. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Beratung, Sprachtraining, Weiterqualifizierung und schulischen Praxiserfahrungen.
Hat Ihr Buch eine Geschichte?
Unser Buch erzählt die Geschichte des Refugee Teachers Program und blickt dabei auf neun Jahre Programmarbeit, die damit verbundenen Erfahrungen und die erzielten Erfolge zurück. Entstanden ist das Programm 2016 zunächst als Reaktion auf die große Zahl geflüchteter Lehrkräfte aus Syrien. Damals wurde schnell deutlich, dass viele dieser berufserfahrenen Lehrkräfte trotz ihrer mitgebrachten Qualifikationen und Berufserfahrungen kaum eine Möglichkeit hatten, in Deutschland in ihrem erlernten Beruf zu arbeiten. Die jüngste Bestandsaufnahme der Anerkennungsverfahren zeigt uns, dass bei rund 70 Prozent der internationalen Lehrkräfte nur eine Teilanerkennung ihrer Berufsqualifikation ausgesprochen wird – sie müssen sich also jahrelang nachqualifizieren, um als reguläre Lehrkräfte im Schuldienst arbeiten zu können. Systematisch aufgebaute Angebote zur Beratung und Weiterqualifizierung fehlten jedoch weitgehend. Die Herausforderung lag damit nicht allein bei den Lehrkräften, sondern auch bei einem System, das für diese internationale Bildungs- und Berufsbiografien kaum passende Zugänge bereithielt. Wir haben das Programm deshalb Schritt für Schritt entwickelt, wissenschaftlich begleitet und über die Jahre immer weiterentwickelt. Das Buch dokumentiert diese Entwicklung und macht sichtbar, was mit einem solchen Unterstützungsangebot erreicht werden kann.
Warum ist Ihr Buch wie kein anderes?
Aus meiner Sicht ganz klar: Das Buch bietet einen institutionellen Perspektivwechsel und gibt ganz konkrete Umsetzungsimpulse. Das Refugee Teachers Program zeigt, wie ein grundlegend anderes Denken über die Stellung von Lehrkräften mit internationalen Bildungs- und Berufsbiografien in unserem Schulsystem aussehen kann. Internationale Lehrkräfte betrachten wir dabei nicht als Sonderfall, sondern sie sind ein selbstverständlicher Teil des Systems und das ist nur möglich, wenn sich die Institutionen der Lehrkräftebildung und die Wege in den Beruf verändern. Angesichts des drastischen Lehrkräftemangels können wir es uns nicht leisten, qualifizierte und berufserfahrene Lehrkräfte dauerhaft aus dem Schuldienst herauszuhalten. Unser Buch ist wie kein anderes, weil es über das Programm hinaus größere Reformfragen für die Lehrkräftebildung aufgreift, die über die Gruppe der internationalen Lehrkräfte hinausgehen, etwa die Einstellung von Lehrkräften mit nur einem Fach oder modularisierte, berufsbegleitende Weiterqualifizierungen, die unterschiedlichen professionellen Berufsbiografien gerecht werden.
Sie veröffentlichen im Universitätsverlag Potsdam – und damit open access. Warum?
Für uns war klar, dass dieses Buch frei zugänglich sein muss. Das Refugee Teachers Program war ein öffentlich gefördertes Projekt, bundesweit das erste strukturierte Programm dieser Art mit Vorbildcharakter. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sind aus unserer Sicht von großer Bedeutung für die Weiterentwicklung des Lehrkräftebildungssystems, sodass es nur folgerichtig war, diese frei zugänglich zur Verfügung zu stellen. Gerade angesichts zunehmender migrationsfeindlicher und rechtspopulistischer Diskurse ist es wichtig, dass sich die Lehrkräftebildung für Biografien öffnet, die durch Migration geprägt sind. Wie eine solche Öffnung gelingen kann, zeigt unser Projekt.
Wer sollte Ihr Buch lesen – und wann?
Alle, die in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften tätig sind, aber auch diejenigen, die explizit internationale Lehrkräfte beraten, bei der Anerkennung begleiten oder an ihrer Weiterqualifizierung mitwirken. Und natürlich alle, die sich für konstruktive Ansätze im Umgang mit der Migration nach Deutschland interessieren.
Was hat Spaß gemacht beim „Buchmachen“ – und was eher nicht?
Es war schön, die intensiven neun Jahre des Projekts noch einmal Revue passieren zu lassen. Dazu gehörten große Herausforderungen, Erfolge in kleinen und größeren Schritten und die Erinnerung an Begegnungen mit vielen beeindruckenden Menschen, natürlich mit den teilnehmenden Lehrkräften und ihren individuellen Lebensgeschichten, aber auch mit den unzähligen Personen, die am Projekt mitgearbeitet oder es unterstützt haben. Toll wäre es, wenn wir eines Tages Band 2 veröffentlichen könnten, weil Brandenburg die Ausbildung internationaler Lehrkräfte an der Universität Potsdam wieder unterstützt.
Auf einer Skala von 1 bis 10: wie gut ist Ihr Buch?
Wir sind befangen – und verzichten deshalb auf die Punktevergabe. Aber verschenken würden wir das Buch mit gutem Gewissen.
Wenn Sie könnten: Würden Sie sich für das Buch einen Preis verleihen – und wenn ja, welchen?
Den „Geht-doch!-Preis“ – dafür, dass unser Projekt gezeigt hat, dass internationale Lehrkräfte ihren Platz im deutschen Schulsystem finden können – wenn man bereit ist, die Wege dorthin neu zu denken.
Was lesen Sie selbst?
Anna Aleksandra Wojciechowicz: Ich lese gerade Bóg w wielkim mieście, auf Deutsch Gott in der großen Stadt, von Katarzyna Olubińska, das mir meine Freundin, die ich seit Kindertagen kenne, geschenkt hat. Ich mag, wie lebendig die Autorin über ihre Beziehung zu Gott schreibt. Ich mag, wie sie ihre Beziehung zu Gott dabei ganz selbstverständlich mit den Fragen des alltäglichen Lebens verbindet. Ein Satz ist mir besonders hängen geblieben: „Glaube ist für mich Freiheit“. Wenn ich diesen Gedanken auf unser Buch übertrage, frage ich mich: Wann können wir von beruflicher Freiheit sprechen?
Miriam Vock: Gerade mit Begeisterung gelesen: „Die Bildungsweltmeister. Eine Reise zu den besten Schulen der Welt und was wir von ihnen lernen können“ von Alexander Brand. Man lernt darin auf sehr anschauliche und unterhaltsame Weise, wie anders Schule und Lehrerbildung in sehr erfolgreichen Systemen gestaltet sind. Dazu ist der Autor für Recherchen nach Finnland, Estland, Singapur und Japan gereist. Das Buch gibt tolle Impulse für Veränderungen auch in Deutschland.
und nun noch 3 Sätze zu Ihnen …
Wojciechowicz: Ich bin Bildungswissenschaftlerin und Migrationsforscherin und beschäftige mich damit, wie Bildungsinstitutionen mit Migration und durch Migration geprägten Biografien umgehen. Mich interessiert, wo institutionelle Strukturen Ausschlüsse produzieren und wie wir diese verändern können, damit unterschiedliche Bildungs- und Berufsbiografien tatsächlich gleichberechtigt anerkannt werden.
Miriam Vock: Ich bin Bildungswissenschaftlerin und Psychologin und habe die Professur für Empirische Unterrichts- und Interventionsforschung inne. In meiner Forschung interessiere ich mich dafür, wie Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen in der Schule gut gefördert, Lehrkräfte dafür gut ausgebildet und Innovationen in Schulen nachhaltig verankert werden können.
„Zehn Fragen für ein Buch“ öffnet die Tür zum Potsdamer Universitätsverlag und stellt regelmäßig Neuerscheinungen vor. „Einstieg in den Lehrer*innenberuf im Land Brandenburg nach Flucht und Migration. Abschlussbericht des Refugee Teachers Program mit einem Vorwort von Britta van Kempen“ ist online hier bzw. hier verfügbar. Weitere Neuerscheinungen aus dem Universitätsverlag hier.