Vorbereitung des Auslandsaufenthaltes
Eigentlich war ich niemand, der von sich selbst dachte, dass er jemals im Ausland studieren wird. Nicht, weil ich das nicht wollte, sondern mehr, weil ich mich nicht für den Typ Mensch hielt, für den das das Richtige ist. Im Masterstudium in Potsdam wuchs dann der Wunsch immer mehr. Kurz bevor meine Studienzeit vorbei war, konnte ich mir diesen Wunsch dann tatsächlich erfüllen. Dennoch war die endgültige Entscheidung dann sozusagen „Last-Minute“, da ich meine Bewerbung am vorletzten möglichen Tag nicht nur abgegeben, sondern auch angefangen habe. Meine Information über das Erasmus+ Programm hielt sich daher im Vorfeld in Grenzen. Allerdings ist das gar nicht schlimm, da die Informationsseiten der Universität Potsdam alles abdecken, was man braucht. Das kann man zusätzlich noch mit Erfahrungsberichten von anderen Universitäten ergänzen und bekommt so ein recht gutes Bild. Außerdem gibt es auch Websites, die man themenspezifisch zur Hilfe heranziehen kann. Sobald dann die Informationsveranstaltungen des International Office beginnen, ist eine zu geringe Informationsdichte sowieso kein reales Problem mehr. Die Informationsveranstaltungen finden hybrid (teils online und auch in Präsenz) statt und sind so organisiert, dass tatsächlich keine Fragen offen bleiben. Wirklich jeder kann die Punkte verstehen und erhält ausreichend Möglichkeiten, nachzufragen.
Die Kontaktaufnahme mit der Universität Bergen wird durch die Gasthochschule (also die Uni Bergen) initiiert. Nachdem man durch seine:n Austauschkoordinator:in nominiert wurde, meldet sich die Universität Bergen selbstständig. Die dann noch einzureichenden Unterlagen sind extrem übersichtlich. Es ist, sofern ich mich erinnere, lediglich erforderlich, dass man ein Bild seines Personalausweises in einem Portal hochlädt, sowie die bisherigen Leistungen an der Universität Potsdam. Der Prozess ist recht einfach, auch wenn das Portal der Universität Bergen etwas antiquiert erscheint. Funktionieren tut es dann aber ganz gut. Man sollte jedoch nicht den Browser Safari von Apple verwenden (sofern man überhaupt Mac OS nutzt), da dieser nicht vollends kompatibel mit den technischen Anforderungen der Universität Bergen zu sein scheint.
Studium an der Gastuniversität
Das Studiensystem und die Organisation an der Universität Bergen sind recht ähnlich zu dem, was wir aus Potsdam oder Deutschland allgemein kennen. Je nach Fachrichtung kann es aber auch mal etwas abweichend sein. Im Bereich Politikwissenschaften, in welchem ich eine Veranstaltung hatte, gab es beispielsweise eine Veranstaltung, die von vielen unterschiedlichen Professoren gehalten wurde. Man gewöhnt sich aber schnell daran und grundsätzlich ist es ähnlich. Teilweise gibt es Veranstaltungen, die nur über wenige Wochen des Semesters gehen und dann bereits nach acht bis zwölf Wochen beendet sind. Das ist in Deutschland, glaube ich, nicht unbedingt üblich. In dieser kürzeren Zeit sind die Veranstaltungen und deren Häufigkeit recht intensiv. Die Anforderungen und die Bewertung scheinen etwas entspannter zu sein als in Deutschland. Zumindest war es in den von mir gewählten Kursen einfacher, eine Top-Bewertung zu erhalten, als in Deutschland. Allerdings waren die gewählten Kurse auch überwiegend Bachelor-Module. Master-Module werden kaum angeboten. Generell erscheint der Kurskatalog für internationale Studierende erst einmal etwas unübersichtlich, dann aber auch gar nicht mal so variabel und vielfältig. Grundsätzlich findet man aber schon Kurse, die interessant klingen. Sofern es zu seinem Studienprogramm passt, kann man aber auch Kurse aus anderen Fakultäten wählen, zu denen man dann aber zugelassen werden muss. Generell möglich ist es aber.
Das Studienklima in der Stadt Bergen und an der Universität ist generell gut. Die Universität hat genau wie die gesamte Stadt eine sehr besondere Atmosphäre. Es gibt unglaublich viele junge Leute in der Stadt und auch ausreichend Orte, an denen man Ruhe zum Lernen und Studieren findet. Die Stadt Bergen kann man schon als Studentenstadt bezeichnen.
Die Betreuung von internationalen Studierenden in Bergen ist recht gut. Es gibt zahlreiche Einführungsveranstaltungen und auch in den späteren regulären Kursen erfährt man recht viel Zuspruch und Dozenten, die auf einen eingehen. Studentische Betreuung ist eher selten. Der Kontakt zu und mit Verwaltungsmitarbeitenden funktioniert schnell und überwiegend einfach. Alles ist übrigens in englischer und häufig sogar auch in deutscher Sprache machbar.
Die technische Ausstattung in den Gebäuden und Räumlichkeiten der Universität Bergen ist vergleichbar mit der in Deutschland. Allerdings würde ich sagen, dass es speziell in den Gebäuden der Universität Potsdam schon etwas hochwertiger ist. Hierüber kann man sich aber sicherlich streiten, da das auch geschmacksabhängig ist. Generell fällt aber nichts so wirklich negativ auf im Vergleich zur Universität Potsdam. Lediglich der Stil ist teilweise einfach etwas anders und man kann sich schnell daran gewöhnen. Die Öffnungszeiten der Gebäude würde ich als angemessen bewerten. Die Öffnungszeit der Mensa im Studentencenter empfand ich des Öfteren als etwas zu kurz. Die Auswahl von Sitz- und Lernmöglichkeiten ist groß. Allerdings muss man speziell in Prüfungszeiträumen damit rechnen, dass man etwas früher am Tag kommen muss, um einen Platz zu bekommen.
In Summe würde ich das Studienumfeld an der Universität Bergen als gut bezeichnen. Es ist wahrscheinlich keine Spitzenklasse, aber die Atmosphäre der Stadt und der Umgebung heben die Bewertung des Gesamteindruckes signifikant an. Das Leistungsniveau ist sehr in Ordnung und ermöglicht es einem, eine schöne Zeit an der Universität zu haben. Ein wenig anstrengen, muss man sich aber natürlich dennoch von Zeit zu Zeit.
Sprachkompetenz vor und nach dem Auslandsaufenthalt
Ein Ziel meines Studiums im Ausland war auch die Verbesserung meiner Fähigkeiten der englischen Sprache. Nach Abschluss der Zeit in Bergen kann ich sagen, dass das Ziel erreicht wurde. Insbesondere der Kontakt zu anderen Studenten und die Wohnsituation sind hier besonders entscheidend. Die Veranstaltungen an der Universität Bergen sind überwiegend in Englisch und auch mit mittleren Kenntnissen in Englisch recht gut nachvollziehbar. Generell spricht jeder in Norwegen sehr gutes Englisch und oftmals auch Deutsch. Nach Norwegen zu gehen ist also absolut geeignet, wenn man seine Englisch-Fähigkeiten verbessern möchte. Jedoch gelangt man erstaunlich oft an den Punkt, an dem einen angeboten wird, einfach auf Deutsch weiterzusprechen.
An der Universität Bergen werden für internationale Studierende unterschiedliche Norwegisch-Kurse angeboten. Ich habe mich für den Einstiegskurs (NOR-INTRO) entschieden. Das war absolut bereichernd und ich kann es nur jedem dringend empfehlen. Der Fortschritt ist tatsächlich sehr schnell und das Lernen der norwegischen Sprache fällt mit Deutsch- und Englisch-Kenntnissen wirklich nicht sonderlich schwer. Zusätzlich lernt man auch noch einiges über das Land und die Menschen und fühlt sich, sofern das der eigene Wunsch ist, recht schnell gut integriert. Wenn man es sich zutraut, kann aber auch der mittlere Norwegisch-Kurs sinnvoll sein, da er nur geringfügig vom NOR-INTRO abweicht, aber die doppelte Anzahl an Leistungspunkten bringt. Wer etwas an Norwegen und der Sprache interessiert ist, für den ist ein Sprachkurs wirklich eine sehr sinnvolle Idee.
Wohn- und Lebenssituation
Als internationaler Studierender in Norwegen erhält man eine Garantie für einen Platz in einem der Wohnheime der Studierendenorganisation Sammen. Das setzt zwar voraus, dass man sich in der gegebenen Frist rechtzeitig bewirbt, sichert einem aber dann die Unterkunft für den Auslandsaufenthalt in Norwegen. Selbstverständlich kann man sich auch selbst auf dem freien Markt eine Unterkunft besorgen. Dazu bieten sich in Norwegen die Portale hybel.no und finn.no an. Hier gibt es aber durchaus gemischte Erfahrungsberichte. Manche haben darüber eine noch bezahlbare Unterkunft gefunden, andere beschreiben eher nervenaufreibende Erlebnisse mit gefälschten Anzeigen. Es kommt also beides vor. Generell nutzen ungefähr 90% der Studierenden das Angebot von Sammen. Im Wintersemester bedeutet das, dass aufgrund der Anzahl der internationalen Studierenden in der Stadt (zumindest in Bergen) zumeist das Zimmer geteilt wird. In Bergen wird der Großteil (nahezu alle) der internationalen Studierenden in Fantoft untergebracht. Fantoft ist ein Stadtteil von Bergen und beherbergt ein großes Studierendenwohnheim. Geografisch betrachtet liegt es etwas außerhalb des Stadtzentrums, was aber in der Realität nicht störend ist. Die Stadtbahn (Bybanen) fährt direkt vor dem Studierendenwohnheim im 10-Minuten-Rhythmus in ca. 18 Minuten in die Innenstadt und in 30 Minuten zum Flughafen Flesland. Bybanen kann zu Stoßzeiten durchaus relativ voll sein.
Die Unterbringung in Fantoft mit geteilten Zimmern in teils großen WGs erscheint zu Beginn vielleicht etwas furchteinflößend. Zumindest ging es mir so. Ich war in Fantoft TRE untergebracht, was die neuesten Gebäude auf dem Gelände sind. Hier ist man dann als internationaler Studierender im Wintersemester in 16er-WGs in Zweibettzimmern untergebracht. Allerdings ist es auch durchaus üblich, dass man in den großen etwas älteren Blöcken in Zweibett-Apartments untergebracht wird. Dort hat man dann eine Küche zu zweit, während in den 16er-WGs in Fantoft TRE die Küchen mit 15 anderen Studierenden geteilt werden. Das kann voll sein, ist aber überwiegend lustig. Ein Bad hat man in Fantoft TRE allerdings ebenfalls direkt am Zimmer und teilt es im Wintersemester lediglich mit seinem Zimmerpartner. Im Sommersemester, so heißt es zumindest, teilt in der Regel niemand das Zimmer, da genug Kapazitäten zur Verfügung stehen. Generell gilt bei Sammen, dass man die Chancen in Fantoft TRE untergebracht zu werden erhöht, wenn man seine Bewerbung sehr schnell abgibt sobald die Bewerbungsperiode startet. Die Kosten für die Unterkunft in Fantoft sind übersichtlich, zumindest für norwegische Verhältnisse. Inklusive Strom betragen die Kosten für die Unterkunft in Fantoft TRE ca. 340 Euro im Monat. Das ist nominell erst einmal bezahlbar, wird aber angesichts dessen, dass das Zimmer geteilt ist, wieder ein wenig teuer. Dennoch ist das Leben bei Sammen die günstigste Möglichkeit, in Bergen während seines Auslandsaufenthaltes zu wohnen.
Grundsätzlich ist Norwegen ein teures Land. Das wird wahrscheinlich jeder schon wissen, bevor er oder sie es in Erwägung zieht, dort zu studieren. Dennoch kann es noch einmal ein bisschen erschreckend sein, dann wirklich 2,70€ für eine Gurke zu bezahlen. Man gewöhnt sich aber daran und lernt auch ein wenig, mit Angeboten und Barilla-Sauce zu überleben. Die ist nämlich faszinierenderweise günstiger als in Deutschland. Es gibt unterschiedliche Supermärkte, die auch unterschiedlich teuer sind. Meny, den es auch direkt in Fantoft am Studierendenwohnheim gibt, gehört zu den teureren. Es ist empfehlenswert 5 Minuten mit Bybanen nach Wergeland zum Rema1000 zu fahren. Rema1000 oder KIWI sind bezahlbare Discounter. Oftmals gibt es die gleichen Produkte wie im Meny auch, die dann aber um einiges günstiger sind. Die Lebenshaltung ist möglich und für eine begrenzte Zeit mit Erasmus-Funding und Bafög oder sogar Nebenjob sehr gut machbar.
Bankgeschäfte können theoretisch ohne große Änderungen fortgeführt werden. Niemand in Norwegen bezahlt mit Bargeld. Ausnahmen sind allerdings manche Barber-Shops. Allerdings braucht man eine Kreditkarte. Am besten eine, für die keine Währungsumrechnungsgebühren gezahlt werden müssen, da in Norwegen natürlich nicht mit Euro, sondern mit norwegischer Krone (NOK) gezahlt wird. Ein norwegisches Konto wird erst dann erforderlich, wenn ein Job angenommen werden soll.
In Norwegen ist grundsätzlich die Europäische Gesundheitskarte gültig und nutzbar. Allerdings werden wohl nur einige Leistungen über diese Karte abgerechnet. Außerdem ist es üblich, dass eine kleine Gebühr (ca. 20 Euro) für den Arztbesuch zusätzlich entrichtet wird. Ein Arztbesuch kann über Sammen gebucht werden. Allerdings empfiehlt sich eine zusätzliche Auslandskrankenversicherung. Hierbei muss aber darauf geachtet werden, dass eine spezielle Versicherung gewählt wird, die für Langzeitaufenthalte nutzbar ist. Eine „normale“ Reisekrankenversicherung für 20 Euro ist dabei nicht möglich. Eine Langzeitreiseversicherung ist deutlich teurer (50 – 80 Euro pro Monat) aber durchaus empfehlenswert, erst recht, wenn, was normalerweise der Fall sein sollte, Wanderungen und Exkursionen in die wunderschöne Natur Norwegens unternommen werden sollen. Hier ist es sinnvoll, eine gute Absicherung auch für Bergung und Reiseunfälle zu haben. Es ist also nicht ganz günstig, aber gibt Sicherheit und Hilfe im Notfall.
Norwegen ist ein wunderschönes Land und Bergen eine fantastische Stadt. Ja – es regnet durchaus häufig. Aber eigentlich stört das nicht wirklich. Die Natur ist atemberaubend und die Norweger verbringen viel Zeit auf den Bergen und auf dem Wasser. Viele Austauschstudierende verbringen ebenfalls viel Zeit in der Natur und auf den Bergen, die die Stadt umgeben. Auch gibt es schier endlos viel Wasser in der Umgebung. Auch gibt es natürlich die Möglichkeit berühmte und wunderschöne Orte in Norwegen zu erkunden und viele Studierenden machen das auch. Fast alle Strecken werden mit dem Flugzeug zurückgelegt.
Direkt in Fantoft gibt es Trene Sammen (ein Fitnessstudio) zu sehr angemessenen Preisen und äußerst komfortablen Zugang direkt auf dem Gelände. Ganz in der Nähe ist auch ein Gewässer mit Rundweg (Tveitevannet), an dem ich fast jeden Abend nach der Uni und der Arbeit für eine Stunde war. Es ist ein toller und in den Abendstunden ganz besonderer Ort.
Die Stadt ist ebenfalls recht abwechslungsreich, auch wenn sie nicht so sehr groß ist, und langweilig wird einem in der Regel nicht. Sofern man ein Party-Mensch ist, gibt es auch hierfür genügend Möglichkeiten.
Kontakte zu einheimischen und internationalen Studierenden
Es gibt ein Klischee über Norweger im Allgemeinen, das sagt, dass Norweger:innen eher verschlossene und daher als unfreundlich wahrgenommene Menschen sind. Das kann ich zwar so generell nicht bestätigen (wir haben viele offene und nette Norweger getroffen), allerdings ist es schon so, dass Austauschstudierende einen eigenen kleinen Kosmos in Bergen bilden. Das muss aber auch nicht unbedingt so bleiben, schließlich gibt es in den Kursen durchaus Möglichkeiten, auch mit Norweger:innen in Kontakt zu kommen. Realistischerweise kann man aber schon sagen, dass es häufig so ist, dass Austauschstudierende in Gruppen unter sich bleiben und eher weniger Kontakt mit Einheimischen haben. Unter den internationalen Studierenden existiert aber, meiner Erfahrung nach, reger Austausch. Das wird auch dadurch gefördert, dass die WGs sehr heterogen zusammengesetzt sind. Empfehlenswert sind beispielsweise auch Aktivitäten des ESN Bergen. Hier lernt man viele verschiedene Personen kennen. Sofern man es nicht explizit forciert, wird es an Kontakten in Fantoft wirklich nicht mangeln.
Studienfach: Wirtschaftsinformatik und Digitale Transformation M.Sc.
Aufenthaltsdauer: 08/2025 - 12/2025
Gastuniversität: Universitetet i Bergen
Gastland: Norwegen
Rückblick
Mein Auslandssemester in Bergen war eine tolle Zeit und eine großartige Erfahrung. Im Rückblick bin ich nicht nur voller Stolz darauf, das doch noch gemacht zu haben, sondern auch voller Dankbarkeit für die Erfahrungen und Inspirationen. Besonders hervorzuheben sind die vielen Menschen und gemeinsamen Momente, die neuen Freundschaften, die Natur, die ruhigen Stunden in der Stadt und die Tour nach Lappland mit ESN. Für jeden, der sich, wie ich es auch war, nicht sicher ist, ob das Semester in Norwegen der richtige Schritt ist – macht es! Es wird sehr wahrscheinlich eine der tollsten Erfahrungen eures Lebens sein und euch bereichern, wie ihr es euch noch nicht vorstellen könnt. Versteht mich bitte nicht falsch – natürlich gibt es komplizierte, ja manchmal sogar schwierige Situationen. Da ist das Auslandssemester nicht anders als das sonstige Leben. Aber genau diese gehören zu der Erfahrung und zum Lernen dazu. Mit großer Wahrscheinlichkeit geht ihr aus dem Semester stärker hinaus, als ihr jemals wart. Mit neuen Freunden, Erinnerungen und Inspirationen. Nutzt diese Zeit, genießt die besondere Atmosphäre der Stadt und des Landes und ruft euch immer wieder in das Bewusstsein, welches Privileg es ist, das tun zu können, was ihr tun dürft.