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Auf dem Weg zur Inklusiven Schule – Wie die Inklusionspädagogik in Forschung, Lehre und Transfer zu einem neuen Grundverständnis beiträgt

Als die Universität Potsdam 2015 in die vom Bund geförderte Qualitätsoffensive Lehrerbildung startete, schrieb sie sich neben der „Professionalisierung“ und den „Schulpraktischen Studien“ als dritten Schwerpunkt die „Inklusion“ ins Programm. Deutschland hatte sich zuvor mit der Unterzeichnung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu einem inklusiven Bildungssystem bekannt, einer Schule ohne Ausgrenzung, die allen Kindern, unabhängig von ihren Voraussetzungen und ihrer Lebenslage, gleiche Bildungschancen eröffnet. 

Die Potsdamer Lehrkräftebildung stellte sich den damit verbundenen Herausforderungen und kann inzwischen eine leistungsstarke Inklusionspädagogik vorweisen. In Forschung, Lehre und Transfer wirkt sie daran mit, bestehende Bildungs- und Schulsysteme so zu transformieren, dass sie der Vielfalt der Lernenden gerecht werden. „Das kann jedoch nur gelingen, wenn sich alle Akteure vernetzen“, sagt Katrin Böhme, die als Professorin für Inklusionspädagogik mit dem Schwerpunkt Sprache zugleich Sprecherin des Departments ist. Zum einen sieht sie in diesem Netzwerk alle, die an der Universität bildungswissenschaftlich forschen und ihre Erkenntnisse in die Ausbildung einer „neuen Generation von Lehrkräften“ fließen lassen, zum anderen meint sie die Schulgemeinschaft, zu der nicht nur die Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler gehören, sondern auch die Eltern, unterstützende Einrichtungen, die Kommunen. 

Universitätsintern ist die Inklusionspädagogik bereits gut aufgestellt und mit drei von sieben Professuren auch im universitären Forschungsschwerpunkt „Education for the Future“ engagiert. In allen Stufen der Lehrkräftebildung sind inklusionspädagogische Inhalte implementiert. Für die Primarstufe wurde ein umfassendes Curriculum entwickelt, das das sprachliche Lernen, die mathematische Bildung sowie die soziale und emotionale Entwicklung umfasst und die durch Kultur und Migration bedingte Vielfalt einbezieht. In naher Zukunft wird auch die geistige Entwicklung Teil des Primarstufencurriculums sein. Auch der Sekundarstufenstudiengang Förderpädagogik richtet sich klar an dem Ziel der Arbeit in inklusiven Schulen aus. 

 

Von der Integration zur Inklusion 

Wenn von Inklusion die Rede ist, geht es lange schon nicht mehr darum, Kinder und Jugendliche mit „Behinderungen“ in den bestehenden Unterricht zu integrieren, sondern eine neue Lernumgebung zu schaffen, in der sich jeder und jede Einzelne entsprechend der eigenen Begabung, der je besonderen Voraussetzungen und individuellen Lernbedürfnisse entfalten kann. „Dahinter steht ein Grundverständnis, das die Verschiedenheit der Menschen anerkennt und als Bereicherung ansieht. Es ist ein Wandel in der Perspektive“, sagt der Professor für Inklusionspädagogische Schul- und Unterrichtsentwicklung, Michel Knigge. Nicht das Problem, die Auffälligkeit, der Förderbedarf stehe im Fokus, sondern das Schulsystem. „Für manche passt es, für andere nicht. Vor allem aber für die Vulnerablen, die besondere Unterstützung benötigen, muss es passend gemacht werden“, so Knigge.

Professorin Antje Ehlert, die sich in der Inklusionspädagogik mit dem Förderschwerpunkt Lernen befasst, berichtet von einem Projekt, in dem gemeinsam mit Grundschulen konkrete Veränderungen herbeigeführt werden konnten. Eine Doktorandin hatte im Mathematikunterricht in den ersten Klassen einen „Response-to-Intervention“-Ansatz umgesetzt. Dazu wurden die Lehrkräfte an diesen Schulen weitergebildet. Die Forschenden stellten Lernmaterialien für unterschiedliche Lernbedürfnisse bereit, mit denen in gemeinsamen und getrennten Unterrichtsphasen gearbeitet werden konnte. Studierende halfen jenen Kindern eins zu eins, die am meisten Unterstützung benötigten. Eine zweite Promovendin beobachtete und analysierte den weiteren Lernverlauf. Am Ende stand ein mit den Lehrkräften entwickelter binnendifferenzierter Unterricht, in dem Lernschwächere gefördert und Begabte gefordert werden. Die Ergebnisse dieser Studie flossen wiederum in die Ausbildung von Lehramtsstudierenden ein.

„Weiterbildung und Transfer sind keine Einbahnstraße“, bestätigt Michel Knigge, der gerade mit dem brandenburgischen Verband Sonderpädagogik e.V. einen Fachtag organisiert hat. Menschen aus der Praxis teilen hier Erfahrungen, kreative Ansätze und umsetzbare Strategien kleiner und großer Schritte in Richtung inklusiver Bildung. „Eine Schule kann selbst Lösungen entwickeln. Wir wissen nicht den einzig richtigen Weg. Gute Lösungen haben unterschiedliche Gesichter“, ist Knigge überzeugt.

 

Inklusion als Ermöglichung von Teilhabe 

Linda Juang erinnert daran, die Gruppenzugehörigkeit der Kinder und Jugendlichen nicht zu unterschätzen: „Manche haben aufgrund ihrer Herkunft einen besseren Zugang zu Bildung, andere weniger“, so die Professorin für Inklusionspädagogik mit dem Schwerpunkt Diversität. Mit ihrem Team erforscht sie unter anderem, wie sich ethnische Identität sowie Erfahrungen von Diskriminierung auf das Wohlergehen und die Entwicklung junger Menschen mit Migrationsgeschichte auswirken. Linda Juang fasst den Begriff der Inklusion weiter und sieht darin letztlich das Ermöglichen von Teilhabe. Es komme darauf an, Barrieren in der Interaktion mit anderen Menschen, mit der Umgebung abzubauen und zu vermitteln, dass Verschiedenheit normal und eine Stärke ist. Die Wissenschaftlerin verdeutlicht das im Kontext der Mehrsprachigkeit, die in den Klassenzimmern inzwischen zur Realität gehört und „nicht nur als Problem betrachtet werden sollte, sondern sich auch für die Entwicklung der Gesellschaft nutzen lässt“. Auch Timo Hennig, Professor für Inklusionspädagogische Psychologie, appelliert, Inklusion weit zu fassen. Das bisherige Schulsystem sei sehr kategorial. Es brauche zwar Kategorien, damit Lehrkräfte wissen, was sie tun können, dies sollte aber nicht dazu führen, dass Menschen nur nach Leistungsnormen eingeordnet und bewertet werden. Abweichungen würden oft als Problem des Kindes verstanden, statt als ein „Passungsproblem“, bei dem die Besonderheiten des Kindes nicht mit der Lernumgebung übereinstimmen. Das sei etwa der Fall, wenn ein Mädchen oder Junge mit Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) nicht stillsitzen könne, der Unterricht aber nur im Sitzen stattfindet, erklärt der Psychologe. „Inklusion braucht ein anderes Denken und Handeln“, betont er. Auch deshalb müssten die Studierenden die Fähigkeit entwickeln, ihre eigenen pädagogischen Ansichten und Einstellungen gründlich zu reflektieren.

 

Die Fähigkeit, genau zu beobachten 

„Viele Studierende bringen ihre Praxiserfahrungen aus der Schule in die Seminare ein, was wiederum neue Forschungsfragen aufwirft“, berichtet Timo Hennig. Auch das gehört zum Studium der Inklusionspädagogik dazu: selbst zu forschen und wissenschaftliche Ergebnisse zu interpretieren, um inklusiven Unterricht evidenzbasiert planen, durchführen und evaluieren zu können. „Wir müssen die Studierenden befähigen, kritisch zu denken“, unterstreicht Professor Oliver Wendt. Es sei altmodisch zu sagen: Wir wissen, ihr macht! „Wir wissen vieles nicht und beziehen Studierende in die Forschung ein“, so der Professor für Inklusionspädagogik mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Er und sein Team gehen beispielsweise der Frage nach, wie Menschen mit kognitiven und emotionalen Entwicklungsbeeinträchtigungen, etwa Autismus, in ihrer Kommunikation unterstützt werden können.

Kinder und Jugendliche gezielt zu fördern, setzt jedoch voraus, den Bedarf zu erkennen. Dazu wiederum braucht es diagnostische Kompetenzen, die im Studium der Inklusionspädagogik ebenfalls vermittelt werden. Es gehe nicht um die Anwendung standardisierter Tests, die für Fachleute entwickelt werden, sondern um die Fähigkeit, genau zu beobachten und im sensibel geführten Gespräch mit dem Kind und dessen Eltern herauszufinden, welche Hilfe die richtige ist oder ob außerschulische Unterstützung benötigt wird, so Wendt. Keinesfalls dürfe die Diagnostik zu einer Stigmatisierung des Kindes führen.

Antje Ehlert setzt hier auch auf das Wissen erfahrener Lehrkräfte, die ihren Weg gefunden haben und in Fortbildungen davon berichten. „Daraus kann man lernen, schöpfen und daran anknüpfen.“ Das gemeinsame Ziel bleibe, die Lernumgebungen so zu gestalten, dass alle Kinder etwas davon haben. Da diene „das eine Lehrbuch für alle“ eben nur der Orientierung, betont sie und verweist auf die Möglichkeit, mit Künstlicher Intelligenz die Inhalte und Aufgaben je spezifisch zu formulieren, sodass sie von allen verstanden und bearbeitet werden können.

„Gegenüber KI herrscht im Bildungssystem berechtigterweise auch Skepsis. Sowohl Potenziale als auch Herausforderungen zu erkennen und zu berücksichtigen, erfordert eine kritische KIKompetenz. Da braucht es noch viel Fortbildung für die Lehrkräfte“, sagt Katrin Böhme. Als Teil des Kompetenzverbunds „lernen:digital“ haben sie und ihr Team im Projekt „KISS-Pro“ untersucht, wie generative Künstliche Intelligenz für sprachliches Lernen genutzt werden kann. Auch erforschen sie, wie intelligente tutorielle Systeme und soziale Roboter den Schülerinnen und Schülern helfen können, motiviert zu lernen. Katrin Böhme will Inklusion und technische Entwicklung zusammendenken und sieht die großen Potenziale adaptiver KI-Systeme, der zunehmenden Heterogenität in den Klassen gerecht zu werden.

 

Verändertes Berufsbild 

Ein differenzierender Blick auf die Lernenden habe sich vielerorts schon durchgesetzt, so die Wissenschaftlerin. Der Wandel hin zu einem Unterricht, der nicht die Lehrkraft, sondern die einzelnen Schülerinnen und Schüler im Mittelpunkt sieht, werde jedoch oft als besonders herausfordernd empfunden. „Wir leben in einer Zeit, in der Sicherheiten verloren gehen und die Ansprüche auch an die Schule steigen. Und das bei begrenzten Ressourcen.“ Katrin Böhme weiß um die steigende Belastung der Lehrkräfte, deren Arbeit zudem öffentlich sei und permanent kommentiert werde. Es habe sich jedoch gezeigt, dass in Schulen, in denen Lehrkräfte mehr kooperierten, die Last abnehme.

„Der Wandel, der mit inklusiver Bildung einhergeht, führt notwendig zur Veränderung von Grundeinstellungen, zu einem veränderten Berufsbild“, meint Michel Knigge. „Sicher ist es ein Wunsch von Lehrkräften, fertige Lösungen zu bekommen, die in allen Situationen funktionieren. Aber die gibt es nicht.“ Sie müssen meist in der je konkreten Situation in einer Klasse gefunden werden. Das sei für die Studierenden mitunter frustrierend, so Knigge. „Doch wir können ihnen helfen, indem sie gelingende Beispiele kennenlernen, mit entstehenden Unsicherheiten umzugehen lernen und Ambiguitätstoleranz entwickeln“, sagt er und berichtet: „Wenn die Studierenden mit neuen Ideen und Methoden in die Schulpraxis gehen, erleben sie im Kollegium mitunter ein Spannungsfeld, das sie aushalten müssen. Da braucht man Teamgeist und gute innere und äußere Ratgeber. Dabei müssen wir sie unterstützen.“

 

Zum Bereich Inklusionspädagogik der Universität Potsdam: https://www.uni-potsdam.de/de/inklusion/index

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.

Veröffentlicht

Online-Redaktion

Nele Reimann

Sachgebiet