Vorbereitung des Auslandsaufenthaltes
Nachdem mir klar wurde, dass ich ein Auslandssemester über Erasmus machen möchte, schaute ich mir an, welche Optionen ich habe. Da ich Lehramt studiere habe ich die Wahl über eine meiner drei Fakultäten ins Auslandssemester zu gehen und somit auch eine große Wahl an Orten. Mein Blick fiel hierbei schnell auf Norwegen, speziell auf die Stadt Bergen, welche sich für mich als absolut richtige Wahl herausstellte.
Die Suche nach dem für mich passendenden Ort war vermutlich das komplizierteste in Sachen Vorbereitungen. Der Bewerbungsprozess ist klar strukturiert und mithilfe der Informationsveranstaltungen des International Office in Potsdam behält man den Überblick über jegliche Fristen und Unterlagen. Die Internetseiten der Universität Bergen sind relativ einfach strukturiert und man findet alle nötigen Informationen, vor allem auch in Bezug auf die Kurse – wie viele ECTS? Welches Prüfungsformat? Welche Inhalte? Die Universität Bergen bietet „open“ und „restricted“ Kurse an, hier ist zu beachten, dass man i.d.R. nur einen Platz in „restricted“ Kursen bekommt, wenn diese von der Fakultät angeboten werden, über die der Austausch stattfindet. So bin ich beispielweise nicht in Geographiekurse reingekommen, die „restricted“ waren, weil mein Austausch über eine andere Fakultät lief. Beim Bewerbungsprozess bekommt man relativ zeitig Bescheid für welche Kurse man zugelassen wurde, weshalb ich bereits vor meiner Ankunft in Bergen einen fertigen Stundenplan hatte. Im weiteren Verlauf wird das OLA ebenfalls wichtig, hier habe ich mit der Universität Bergen nur positive Erfahrungen gemacht. Bei Fragen habe ich schnelle und freundliche Antworten bekommen und das OLA wurde sogar am gleichen Tag noch unterzeichnet.
Zu den Vorbereitungen zählt natürlich auch die Wohnungssuche, welche in Bergen aufgrund der Wohnheimplatzgarantie stark vereinfacht ist. Hier muss man sich lediglich fristgerecht bewerben und bekommt definitiv ein Zimmer.
Auch eine Auslandskrankenversicherung sollte man für das Erasmussemester unbedingt abschließen. Ich selbst habe meine Versicherung zwar nicht gebraucht, kenne jedoch mehrere Leute, die ihre genutzt haben.
Studium an der Gastuniversität
Das Studiensystem an der UiB ist relativ ähnlich zu dem in Potsdam, man orientiert sich ebenfalls an den 30 ECTS. In Bergen haben die Module oft zwischen 10 und 15 ECTS, sodass man etwa 3 Module belegt. Hierbei kann es sein, dass ein Modul auch nur eine Vorlesung ist oder durch ein Seminar erweitert wird. Durch die höhere Anzahl an ECTS steigt vor allem die Anzahl an relevanter Literatur. Des Weiteren war ich etwas überrascht, dass in einer meiner Vorlesungen Anwesenheitspflicht galt. Auch in Bergen musste ich Prüfungsnebenleistungen absolvieren, um für die Prüfungen zugelassen zu werden. Ich würde empfehlen schon bei der Kurswahl zu schauen, wie die Prüfungsleistung aussieht, ich persönlich habe nur Hausarbeiten geschrieben, wodurch ich mir die Zeit zum Reisen am Ende des Semesters sehr gut selbst einteilen konnte.
Das Studienklima an der UiB hat mir gut gefallen, vor allem bei den Prüfungsnebenleistungen ging es nicht um Leistungserbringung, sondern darum das Gelernte zu nutzen und zu testen, woran man noch arbeiten muss und was bereits gut verstanden wurde. Dies wurde von den Dozierenden auch exakt so kommuniziert. Zudem standen die Lehrpersonen für Fragen und Unterstützung jederzeit zur Verfügung.
Das Niveau der Lehrveranstaltungen ist vergleichbar mit dem Niveau in Potsdam, weshalb ich keine Schwierigkeiten hatte. Mir persönlich kam es gelegen, dass ich auch in Potsdam Veranstaltungen auf Englisch habe und die Umstellung somit, zumindest im Unikontext, nicht groß war.
Der IT-Service der UiB konnte mir ebenfalls schnell helfen, als ich Probleme hatte mittels des VPNs auf die Kursliteratur zuzugreifen.
Das Angebot an Lernplätzen in Bergen ist recht groß, in fast jedem Universitätsgebäude gibt es Orte zum Lernen und innerhalb der Stadt gibt es viele Studierendenbars und -cafés. Ähnlich wie in Potsdam und Berlin sind die Arbeitsplätze in der Prüfungszeit sehr gefragt, hier lohnt es sich früh aufzustehen, um einen Platz zu bekommen.
Kontakte zu einheimischen und internationalen Studierenden
Der Kontakt zu internationalen Studierenden ergab sich ganz natürlich und wie von selbst. Zu Beginn des Semesters noch bevor die Vorlesungen und Seminare begannen gab es zahlreiche Veranstaltungen um neue Leute kennen zu lernen, oft auch speziell für Austauschstudierende. Nach der ersten Einführungsveranstaltung ging es in die Kennlernwoche, die sogenannte „fadderuken“. Im Rahmen dieser Woche wird man in Gruppen aus Austauschstudierenden und Erstsemesterstudierenden der jeweiligen Fakultät eingeteilt und kann entscheiden zu welchen der zahlreichen Programmpunkte man gehen möchte. Das war an sich eine coole Idee, allerdings hatte das Programm einen großen Fokus auf Feiern und Trinken, was nicht jedem besonders gefiel. Vorglühen und Trinkspiele haben unter Studierenden eine besondere Rolle, weil der Alkohol vor allem in Bars und Clubs sehr teuer ist. In dieser Woche hatte man also die Möglichkeit Kontakte zu Einheimischen und Austauschstudierenden zu knüpfen. WhatsApp wird in Norwegen nicht so stark benutzt wie Snapchat oder Facebook Messenger, hier lohnt es sich vorab ein Profil zu erstellen.
Die Universität Bergen bietet eine große Anzahl an studentischen Vereinigungen und Organisationen, von Tanzen über Klettern und Fotografie bis hin zu politisch-engagierten Organisationen war alles vertreten. Wenn man in Kontakt mit norwegischen Studierenden kommen möchte, sind solche Organisationen und Gruppen die optimale Gelegenheit. Natürlich kann man auch innerhalb der Kurse Einheimische kennenlernen, je nachdem welche Kurse man wählt sind diese allerdings oft voll mit internationalen Studierenden, weshalb man dort eher mit diesen in Kontakt kommt.
Das Wohnen im Studierendenwohnheim sowie in WGs bringt den großen Vorteil mit sich, denn dort kann man mit Menschen aus verschiedensten Ländern der Welt ins Gespräch kommen und so neben der norwegischen Kultur noch weitere kennen lernen.
Sprachkompetenz vor und nach dem Auslandsaufenthalt
Mein Englisch hat sich im Auslandsaufenthalt verbessert, allerdings würde ich nicht behaupten, dass der Unterschied signifikant ist. Da ich bereits vorher einige meiner Kurse auf Englisch hatte war es für mich recht normal in der Universität Vorlesungen und Kurse in englischer Sprache zu haben und englische Literatur zu lesen. Das alltägliche Sprechen hat auf jeden Fall zu einer Verbesserung geführt, es fällt mir jetzt auch leichter zwischen Deutsch und Englisch zu wechseln. Zudem kann man Akzente viel besser unterscheiden und lernt durch die internationale Community natürlich auch vereinzelt Wörter aus anderen Sprachen.
Mir selbst war es wichtig einen Sprachkurs für Norwegisch zu belegen und der Kultur so nochmal anders nah zu kommen. Es ist wichtig sich fristgerecht für den Sprachkurs anzumelden und man sollte beachten, dass diese Kurse teilweise nicht mit einer Note, sondern nur mit bestanden / nicht bestanden bewertet werden (falls ihr euch das anrechnen lassen könnt). Mir persönlich hat der Sprachkurs gut gefallen, es wird viel gesprochen und man lernt auch einiges über norwegische Traditionen und Kultur. Da Norwegisch mit Deutsch und Englisch verwandt ist, ist die Sprache nicht allzu schwer zu lernen und man findet viele Ähnlichkeiten.
Wohn- und Lebenssituation
In Bergen sind die Wohnheime von sammen organisiert und verwaltet. Man bewirbt sich separat auf einen Wohnheimplatz, bekommt aber im Auslandssemester die Garantie einen Wohnheimplatz zu bekommen. Bei der Bewerbung kann man Erst-, Zweit- und Drittwunsch angeben, allerdings bekommen Studierende, die nur ein Semester nach Bergen gehen ein Zimmer, welches sie sich mit einer anderen Person teilen. Studierende die ein Jahr in Bergen bleiben bekommen ein Einzelzimmer. Mein Tipp ist es sich für die große WG in Fantoft zu bewerben. Fantoft ist ein großer Gebäudekomplex mit Musikraum, nahegelegenen Supermärkten, Tramstation und Fitnessstudio. Das Gebäude, in dem ich gewohnt habe, hatte sogar eine Dachterrasse mit Grillmöglichkeiten. Ich selbst habe in einer WG mit 15 anderen Leuten gewohnt, dort teilt man die Küche und das Wohnzimmer mit allen und das eigene Zimmer und Bad teilt man mit einer anderen Person. Ich hatte Glück mit meiner Mitbewohnerin und wir sind gute Freundinnen geworden, auch mit meinen restlichen Mitbewohnenden hatte ich sehr viel Glück, wir haben uns gut verstanden und viele gemeinsame Koch- und Partyabende veranstaltet. Egal wann man etwas machen will oder nur mal zum Quatschen in die Küche schaut, man findet eigentlich immer jemanden und so spontan entstehen die besten Gespräche. Ich würde diese Wohnform empfehlen, weil es sehr einfach ist andere Menschen kennenzulernen und man so direkt Anschluss findet.
Ich habe mich im Fitnessstudio angemeldet und gemeinsam mit anderen auch oft Sportkurse ausprobiert und so einen Ausgleich zum Studium geschaffen. In Fantoft gibt es auch Räume, in denen man Tischkicker und Billard spielen kann, was wir auch oft genutzt haben. Neben den Aktivitäten dort kann man in Bergen optimal wandern und die Natur genießen. Die Stadt ist von sieben Bergen umgeben und es lohnt sich alle zu erwandern, da diese zum Teil auch recht unterschiedlich sind und wunderbare Ausblicke auf die Stadt ermöglichen. Hier sollte man aber immer auf das Wetter hören und bei Regen lieber an einem anderen Tag gehen. Falls man etwas an Ausrüstung benötigt, kann man das ganz einfach bei BUA kostenfrei ausleihen.
Ganz in der Nähe des Wohnheims ist ein Schloss, dort kann man gut im Fjord baden gehen und Sonnenuntergänge anschauen. Bergen ist eine mittelgroße Stadt mit einem regen Studierendenleben und vielen Aktivitäten, ich war u.a. bei einem Gratiskonzert des Philharmonikerorchesters. Ein besonderes Highlight war das Anzünden der Lichter des Weihnachtsbaumes im November, welches mit Chor, Bühnenshow und Feuerwerk zelebriert wird. Es lohnt sich auch etwas außerhalb von Bergen nach Erlebnissen zu schauen: ich war beispielsweise mit einer kleinen Gruppe bei einer geführten Gletscherwanderung mit ein bisschen Eisklettern (Folgefonni.no). Des Weiteren kann man Städte wie Stavanger oder Oslo gut mit dem Zug oder Flixbus erreichen. Da ich gerne wandern gehe und die natur erkunde, habe ich auch einige Hüttentouren gemacht, hier kann man einfach Freundschaften aufbauen und tolle Sachen erleben. Über DNT findet man viele Hütten, man kann allerdings auch private Hütten mieten und dort Zeit verbringen.
Die öffentlichen Verkehrsmittel innerhalb von Bergen sind sehr einfach zu verstehen und sehr zuverlässig. In den ersten Monaten meines Auslandssemesters war ich noch 20 und konnte mit dem Youth Ticket das gesamte Westland bereisen und zum Teil auch längere Fjordfähren gratis nutzen. Der ÖPNV ist preislich auf einem vergleichbaren Niveau mit Deutschland. Die restlichen Lebenshaltungskosten sind definitiv höher als in Deutschland, das zeigt sich vor allem bei Lebensmittelpreisen und Restaurants sowie Bars.
Für das Auslandssemester würde ich auf jeden Fall eine Visa/Debit- oder Kreditkarte empfehlen, Bargeld habe ich in Norwegen kein einziges Mal gebraucht. Ich selbst habe wise genutzt, hier kann man das Geld bereits vorab bei einem guten Wechselkurs von EUR in NOK umtauschen und sieht so sehr transparent welchen Wechselkurs man nutzt und wie viele Gebühren man zahlt.
Studienfach: Lehramt für die Sekundarstufen I&II – Englisch Geographie
Aufenthaltsdauer: 08/2025 - 12/2025
Gastuniversität: Universitetet i Bergen
Gastland: Norwegen
Rückblick
Das Semester in Bergen war für mich eine wundervolle Zeit. Man kommt in Kontakt mit unglaublich unterschiedlichen Menschen und lernt so viel über andere Kulturen und sich selbst. Es gibt unfassbar viele Möglichkeiten in Kontakt mit einheimischen und internationalen Studierenden zu kommen und tiefe Freundschaften zu gewinnen. Natürlich gibt es nicht nur Positives, aber es überwiegt ganz klar. Bergen ist die regenreichste Stadt Europas und im Winter gibt es nicht sonderlich viel Tageslicht, aber meine Zeit in Norwegen hat mich gelehrt die Sonne zu schätzen und mich von Regen nicht aufhalten zu lassen. Für mich war die Natur in Norwegen ein ganz besonderer Faktor, ob es die atemberaubenden Wasserfälle, unvorstellbare Gletscher, wunderschöne Nordlichter oder einfach die unberührten Landschaften sind, jeder Ausflug in die Natur sowie jegliche Hüttenwanderungen haben sich gelohnt. Nutzt dieses Semester also nicht nur zum Studieren, sondern zum Vernetzen und dazu euren Horizont zu erweitern.
Ich würde immer wieder ein Auslandssemester in Bergen machen. Die Stadt hat einen einzigartigen Charme und die Natur Norwegens sowie die Menschen sind voller Ruhe und Herzlichkeit.
Ich kann euch empfehlen: Seid ihr selbst, seid offen und neugierig und macht worauf ihr Lust habt.