Vorbereitung des Auslandsaufenthaltes
Die Entscheidung, mich für ein Erasmus-Semester zu bewerben, traf ich auf Anraten meines Bruders und zweier Freunde. Sie alle kamen mit überaus positiven Eindrücken aus dem Ausland zurück und empfahlen mir, auch diese Erfahrung zu machen. Die Wahl der Gastuniversität ergab sich nach dem Blick auf die vom Historischen Institut der Universität Potsdam bereitgestellte Liste, auf der Partneruniversitäten aufgelistet waren. Mich erfreute es, dass dort auch Universitäten Zentraleuropas und des Baltikums aufgeführt waren – Gebiete, die ich zuvor noch kaum besucht hatte und ohnehin mein Interesse erweckten.
Die Bewerbung selbst verlief ohne Probleme. Sowohl der Erasmus-Koordinator des Historischen Instituts, Dr. Schulz, als auch das Team des International Office der Universität Potsdam waren stets erreichbar, antworteten rasch und bearbeiteten jegliche Anträge und Dokumente zügig. Dies ist sehr lobenswert. Die Informationsveranstaltungen des IO waren gut strukturiert und eingängig, ebenso der bereitgestellte Moodle-Kurs. Auch von den Ansprechpartnern an der von mir gewählten Gastuniversität, der Masaryk-Universität in Brünn, kann ich nur positiv berichten. Sie waren gleichermaßen für alle Anliegen zu erreichen und stellten schnell Hilfe bereit. Der Austausch zwischen Heim- und Gastuniversität verlief reibungslos, vieles nahezu automatisch. Der Prozess bis zum Beginn meines Aufenthaltes im September 2025 ist mir daher positiv in Erinnerung geblieben. Er verlief nicht ganz ohne Papierkram und Bürokratie, doch nichts davon kam mir überflüssig, unlösbar oder auf sonstige Weise als den Prozess verzögernd vor.
Die Masaryk-Universität benötigte von mir für die Bewerbung eine simpel online ausfüllbare application, einen Proof of English skills und das Learning Agreement. Als Proof of English skills reichte dabei das Ergebnis des English Placement Tests des Online Language Supports. Dieser ist war kostenlos durchführbar.
Studium an der Gastuniversität
Etwa drei Monate vor Beginn meines Auslandssemesters erhielt ich Zugang zum Information System der Masaryk-Universität, der Plattform, auf der sämtliche relevanten Funktionen gebündelt waren. Hier ließen sich Mails schreiben, studienrelevante Dokumente einsehen, Kurse und Prüfungstermine wählen, Lernmaterialien finden oder Kommilitonen kontaktieren. Es war übersichtlich gestaltet, man fand sich schnell zurecht. Bei der Registrierung für Kurse war aber unbedingt auf die Lehrsprache zu achten. Stellte man im IS die Sprache auf Englisch, so wurden sämtliche Kursnamen und -beschreibungen ins Englische übersetzt, selbst wenn der Kurs zum Beispiel in tschechischer Sprache stattfand. Ich war anfangs ob der Fülle interessanter Kurse überrascht, musste dann aber feststellen, dass viele dieser dann doch nicht auf Englisch stattfanden. In der Kurssuche ließen sich bestimmte Lehrsprachen herausfiltern – das half.
Im Kurseinschreibungsprozess wurde zwischen Registration und Enrollment unterschieden. Nicht in alle Kurse, für die ich mich registriert hatte, wurde ich nämlich enrolled. Dies hatte am Ende zur Folge, dass ich mein Learning Agreement noch einmal anpassen musste. Genügend Ausweichkurse fand man aber gewiss, auch dank der Funktion, dass man sich für Kurse, die außerhalb des eigenen Studienfelds lagen, registrieren konnte. Man musste dann kurz dem Kursleiter gegenüber verargumentieren, warum man in den Kurs wollte, doch meiner Erfahrung nach waren diese zumeist sehr entgegenkommend. So habe ich etwa – als Student der Faculty of Arts – auch Kurse an der Faculty of Social Science belegt, die trotzdem zu meinem Studiengang Zeitgeschichte passten. So gelang es mir, adäquate Ausweichkurse zu finden.
Die Lehrveranstaltungen selbst liefen in etwa so ab wie an der Universität Potsdam; Vorlesungen waren primär zum Zuhören da – wobei manche Dozenten durchaus auch das Gespräch mit den Studierenden suchten – und in Seminaren wurde diskutiert. Ausreichend Materialien zum Selbststudium wurden stets bereitgestellt. Bei Vorlesungen gab es keine Anwesenheitspflicht, bei Seminaren schon. Laut Richtlinie der Universität konnte man sich lediglich mit ärztlichem Attest entschuldigen. Doch manche Dozenten zeigten sich dort flexibler. Oftmals wurde im Kurs selbst geregelt, ob und wie oft man fehlen durfte und ob und wie man sich entschuldigen konnte. Ich habe das Studienklima immer als entspannt wahrgenommen. Das Lehrpersonal war immer ansprechbar, immer entgegenkommend. Ich gehe davon aus, dass sie gewollt waren, den internationalen Studierenden ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Die Dozenten wiederum erfreuten sich an der Diversität der Studierenden. Sie interessierten sich für unsere Herkünfte und Backgrounds und wie wir folglich auf im Kurs besprochene Themen blickten.
Benotet wurden Kurse mit A bis F, wobei F das Nichtbestehen bedeutete. Woraus sich die jeweilige Note zusammensetzte, lag nach meinem Eindruck im Ermessen des Dozenten. Manche machten diese lediglich von der Abschlussklausur abhängig, andere bezogen Faktoren wie die Häufigkeit der Anwesenheit oder im Semesterverlauf gehaltene Vorträge mit ein. Eine weitere Besonderheit war, dass in manchen Kursen mid-term-Klausuren stattfanden, die einen erheblichen Teil der Endnote ausmachen konnten.
Die Gebäude der Universität reichten äußerlich und architektonisch von der Zeit, in der Mähren noch Teil Österreich-Ungarns war, über die Periode der Tschechoslowakei bis in die Moderne. Je nachdem, was man studierte, musste man einen der diversen Universitätsstandorte aufsuchen, die weit in der Stadt zerstreut waren. Als Student der Zeitgeschichte musste ich zumeist zu Gebäuden nördlich des Stadtzentrums. Doch egal wie neu oder alt das betreffende Haus war; die Universität war stets modern ausgestattet und erfüllte meines Ermessens nach alle Standards. Es gab mehrere Mensen und Bibliotheken. Auch sie waren verstreut, also für jedermann erreichbar.
Kontakte zu einheimischen und internationalen Studierenden
Zahlreiche Kontakte knüpfte ich auf den Veranstaltungen des Brünner Erasmus Student Network. Sie fanden das ganze Semester über statt. Besonders in der Orientierungswoche gab es viel zu erleben und viele neue Gesichter kennenzulernen. Da ich nahezu alle Aktivitäten aufsuchte, konnte ich in kürzester Zeit reichlich Freunde finden. Sie waren allesamt internationale Studierende. Neben einer sich herausbildenden Kerngruppe pflegte ich diverse Kontakte zu verschiedensten Erasmus-Studierenden, die man regelmäßig auf ESN-Veranstaltungen oder in gängigen Kneipen oder Clubs traf. Die Erasmus-Community in Brünn war groß – und bei einer solchen Stadt, deren Zentrum sehr gebündelt war, läuft man stetig bekannten Menschen über den Weg. Ich habe die anderen internationalen Studierenden stets als sehr offen, kontaktfreudig und entgegenkommend wahrgenommen. Freunde ließen sich überall finden.
Der Kontakt zu einheimischen Studierenden war hingegen Mangelware. Während einem andere internationale Studierende praktisch zwangsläufig und unausweichlich begegneten, musste man Einheimische eher über Ecken kennenlernen. Ich hatte den Eindruck, dass lokale und internationale Studierenden-Bubble sehr separiert waren und kaum Überschneidungen vorkamen. Seltene Begegnungen fanden bei ESN-Veranstaltungen dann statt, wenn etwa der Gruppenleiter ein tschechischer Student war. Auch begegnete man vereinzelt einheimischen Studenten in Kursen an der Universität. Es waren dort wahrscheinlich wenige, da sich in den englischsprachigen Kursen ebenfalls vorrangig internationale Studierende versammelten.
Anmerken möchte ich, dass ich die wenigen Kontakte zu einheimischen Studierenden jedoch nicht vermisst habe. Ich empfand es nicht als zwingend nötig, sie kennenzulernen. Im Kreis der Erasmus-Studierenden habe ich nämlich großartige Menschen getroffen und fühlte mich gut aufgehoben. Dass die Verknüpfung von einheimischen und internationalen Studierenden also nicht im Fokus der Masaryk-Universität und ESN stand, ist meiner Einschätzung nach nicht unbedingt als Mängel zu bezeichnen.
Sprachkompetenz
Ich bin ein guter Englischsprecher, das war ich auch schon vor Beginn meines Auslandssemesters. Trotz alledem konnte ich meine Englischkenntnisse nochmals verbessern, vorrangig durch die tagtägliche Konfrontation mit dieser Sprache. Wer sich nicht gerade in einer Gruppe von Landsmännern abkapselte, der sprach und las stetig Englisch. Über einen längeren Zeitraum sein Leben in eine andere Sprache zu verschieben, trainierte den Umgang mit dieser immens. Man wurde darin wortgewandter und selbstsicherer. Ich gehe gar so weit zu behaupten, dass ich meine Identität im Englischen entwickeln konnte und auch über Sprachbarrieren hinweg kommunizieren konnte, wer ich bin.
Ein weiterer Nebeneffekt der Begegnung mit internationalen Studierenden war die Möglichkeit, noch viele weitere Sprachen kennenzulernen. Schließlich freute sich doch jeder, anderssprachigen Menschen mehr oder weniger nutzvolle Begriffe beizubringen. Auf diese Art ließen sich auch ehemals erlernte Drittsprachen wieder auffrischen. Durch den Austausch mit Franzosen konnte ich etwa meine eingerosteten Französischkenntnisse wieder etwas aufbessern beziehungsweise wieder in Erinnerung rufen.
Wohn- und Lebenssituation
Mir war von Anfang an klar, dass ich in einem Studentenwohnheim leben wollte. Wenn schon die Erfahrung eines Auslandssemesters, dann richtig! Schließlich wusste ich nach kurzer Recherche bereits, dass in den universitätseigenen Wohnheimen keine Einzelzimmer für internationale Studierende angeboten würden. Mindestens einen Mitbewohner hatte jeder. Auf einen roommate konnte ich mich also gefasst machen. Doch ich wollte mich dahingehend auch selbst fordern und bewarb mich deshalb um ein Zimmer im größten Studentenwohnheim Brünns, in Vinařská. Die Zimmerwahl erfolgte vor Beginn des Aufenthaltes und online. Die Wahl war dabei grundsätzlich frei, doch wer hier zuerst kam, mahlte zuerst. Am Stichtag – dem Tag der Zimmerwahl – konnten alle Bewerber gleichzeitig auf das Universitätsportal ISKAM zugreifen. Dabei entstanden mitunter lange Wartezeiten. Man sah nach der Wahl des Raumes auch gleich den Namen des roommates, was eine rasche Kontaktaufnahme ermöglichte. Meines Wissens bestanden in den zahlreichen Wohnheimen der Universität genügend Kapazitäten, um alle Erasmus-Studenten unterzubringen. Wer allein Leben mochte, wurde auch in Privatunterkünften in der Stadt fündig. Der Prozess konnte folglich aber komplizierter und kostspieliger sein.
Dass ich einen Platz im Wohnheim bekam, gab mir Sicherheit. Auch machte ich mich mit meinem portugiesischen Zimmerkollegen bekannt und konnte so gewiss sein, dass keine nachhaltigen Probleme entstehen würden. Ich traf ihn das erste Mal am 6. September 2025, dem Tag meiner Ankunft. Wir beide blieben das ganze Semester, bis zum letztmöglichen Tag, dem 15. Februar 2026.
Die Miete wurde pro Tag berechnet, es waren etwa zehn Euro. Sie war immer am Anfang des Monats zu bezahlen; auf dem Bezahlportal der Universität ging dies einfach per Bankkarte. Auch weitere Services des Wohnheims konnten dort bezahlt werden, etwa das Entleihen von Staubsaugern.
Ich bezog also ein Zweierzimmer. Mit meinem portugiesischen Mitbewohner schlief ich in einem Zimmer, die Küche und das Bad teilten wir uns. Wir lebten im fünften Stock und hatten einen Balkon, auf den täglich die Abendsonne schien. Die Küche war lediglich mit zwei Kochfeldern und einem Kühlschrank ausgestattet. Weitere Einrichtungsgegenstände konnte man sich für wenig Geld kurz nach der Ankunft jedoch beschaffen; es wurde angeboten, was ehemalige Einwohner hinterließen. Das Wohnheim Vinařská verfügte über Wasch- und Trockenräume (das Buchen eines Slots für die Waschmaschinen und Trockner war kostenlos), Lernräume, einen Fitnessraum, allerdings kaum über Gemeinschaftsflächen. Es wirkte stets so, als wollte die Hausverwaltung jene Stellen, an denen etwa Tische und Stühle gut hingepasst hätten, nicht gerne genutzt sehen.
Öffentliche Verkehrsmittel
Von Vinařská aus waren Tram und Bus in fünf bis zehn Minuten erreichbar. Generell war die Abdeckung mit öffentlichen Verkehrsmitteln in der Stadt sehr gut. Viele Tram- und Buslinien durchzogen Brünn, stets war eine Haltestelle in Reichweite. Verspätungen habe ich kaum erlebt. Nachts fuhren Nachbusse, die immer zur vollen Stunde vom Hauptbahnhof gleichzeitig abfuhren, was für Verlässlichkeit sorgte. Die Verfügbarkeit öffentlicher Verkehrsmittel bewertet ich insgesamt als sehr gut.
Auch preislich ließ sich nur Positives festhalten. Für Studierende kostete ein Vierteljahresticket etwa 30 Euro.
Zahlungsmittel
Digitales Bezahlen war weit verbreitet. Auf dem Weihnachtsmarkt zahlte ich sogar meinen Glühwein per Karte. Es gab nur sehr wenige Ausnahmen, wo man auf Bargeld angewiesen war.
Ich nutzte während meines Semesters Revolut. Dort ließ sich ganz einfach ein Konto mit Tschechischen Kronen erstellen. Generell sollte man sich vor Beginn des Semesters vergewissern, dass man eine Bank oder Bankkarte hat, mit der man problemlos in Fremdwährung bezahlen kann, um Gebühren zu vermeiden.
Lebenserhaltungskosten
Die Preise im Supermarkt unterschieden sich nicht wesentlich von jenen in Deutschland, manche Produkte waren in Brünn gar teurer, zum Beispiel Käse oder Feinkost. Ging man auswärts essen, war aber ein deutlicher Unterschied bemerkbar. Hier war Tschechien merklich günstiger als Deutschland. Wenn man einen Kebab für etwa vier Euro und ein Bier für zwei bis drei Euro bekommen konnte, so lohnte sich dies fast mehr, als selbst zu kochen.
Stadtleben und Freizeitangebote
Das Studentenleben spielte sich hauptsächlich im Stadtzentrum, der Altstadt von Brünn, ab. Hier waren die meisten Universitätsstandorte in Reichweite, ebenso viele Restaurants, Bierstuben, Clubs und sonstige Geschäfte. Das Zentrum war, ähnlich wie in Potsdam, überschaubar und vollständig zu Fuß erschließbar. Innerhalb von zehn bis 15 Minuten kam man überall hin. Trotzdem reichte mein Semester nicht aus, um alle Lokale erkunden zu können. Immer wieder entdeckte man etwas Neues. Jeden Tag konnte man seine Freunde an einem neuen Ort auf ein Bier treffen.
Es lohnte sich aber auch, umliegende Gebiete zu erkunden. Mit der Tram konnte man bequem bis zu einem Badesee oder zum Zoo fahren. Wandergebiete waren ebenfalls nicht weit weg.
Studienfach: M. A. Zeitgeschichte
Aufenthaltsdauer: 09/2025 - 02/2026
Gastuniversität: Brno University of Technology (Vysoké učení technické v Brně)
Gastland: Tschechien
Rückblick
Ratschlag für nachfolgende Studenten
Der wichtigste Ratschlag, der mir vor Beginn meines Semesters von einem Freund gegeben wurde, war, so viel wie möglich mitzumachen, rauszugehen, Menschen zu treffen und ja zu sagen. Die Abende, die ich im Wohnheim verbracht habe, waren sehr wenige – und dazu möchte ich ebenfalls raten.
Das Auslandssemester ist zu kurz, um im Dorm abzuhängen! Das bedeutet auch, zu Aktivitäten und Veranstaltungen ja zu sagen, die einen erst einmal unsicher machen oder abschrecken. Immer wird man bekannte Gesichter treffen, immer Spaß haben können! Konkret bedeutet dies etwa, in der Orientierungswoche ein Ticket zu kaufen, mit dem man an allen Aktivitäten teilhaben kann – und auch überall hinzugehen. Am Ende lohnt es sich immer!